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Das Berner Puppen-Theater

«Es gibt Kinder, die uns nach der Vorstellung umarmen»

Karin Wirthner und Frank Demenga haben schon beinahe elterliche Gefühle für ihre Puppen. Foto: Daniel Zaugg

Das Berner Puppen-Theater an der Gerechtigkeitsgasse spricht mit seinen Produktionen sowohl Kinder als auch Erwachsene gleichsam an. Verantwortlich dafür sind seit 2017 Karin Wirthner und Frank Demenga. Das umtriebige Paar erzählt dem BärnerBär von seiner spannenden Arbeit.

Zurzeit läuft Ihr Kinder-Weihnachtsprogramm «Wiehnachte für d’Alina», welches das Flüchtlingsdrama thematisiert. Was soll das Stück bei den Kindern auslösen?
Karin Wirthner: Die klassische Weihnachtsgeschichte ist ja auch eine Flüchtlingsgeschichte. Frank hat sie an die heutige Zeit adaptiert.
Frank Demenga: Wir «dimmen» die Geschichte in einer vorsichtigen Art auf das Verständnis von fünfjährigen Kindern, damit sie nicht erschrecken und die Eltern nicht abgeschreckt werden. Die Botschaft unserer Geschichte lautet: Seid friedlich und habt es gut miteinander! Alina in unserem Stück ist ein Übermensch, ohne dass man es merkt. Sie übernimmt das Ruder und zeigt, dass Kinder viel Kraft und Durchhaltevermögen haben und dadurch viel erreichen und auslösen können.
Karin Wirthner: Obwohl Alina in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen ist und die Bedeutung von Weihnachten nicht kennt, ist sie letztlich die Einzige, welche Weihnachten verkündet.

Wie ist die Akzeptanz der Kinder auf das Stück?
Demenga: Fünfjährige Kinder können sich naturgemäss nicht wie Erwachsene ausdrücken. Aber es gibt spontane Reaktionen, Kinder, die uns am Schluss umarmen. Die erwachsenen Besuchenden schätzen die Aktualität und zeigen sich betroffen.
Wirthner: Die Kinder sehen das «Gschichtli», die Erwachsenen sehen hinter die Geschichte. Das ist in allen unseren Produktionen so, es ist fantastisch!

Verbinden Sie Ihre Kinderprogramme generell mit einem Bildungsauftrag?
Wirthner: Unsere Programme thematisieren immer aktuelle Probleme wie beispielsweise die Verschmutzung der Meere, welche wir im Stück «Thomi rettet das Meer» behandeln oder «D’Susi u dr Zouberhelm» mit der Digitalisierung der kindlichen Fantasie.

Wie kommt ein Puppentheater bei der Digital Natives-Generation an?
Wirthner: Bei Schülervorstellungen kann es vorkommen, dass wir zu Beginn bei etwas älteren Kindern in deren Gesichtern eine gewisse Ablehnung feststellen. Aber ich erinnere mich an einen Knaben, der am Schluss der Vorstellung mit hochroten Wangen ein schüchternes «Danke» flüsterte und sozusagen wieder als staunendes Kind das Theater verliess. Das war sehr berührend.
Demenga: Die Kids, die mit Handy und sozialen Medien aufwachsen, kennen das Wort «Theater» oft nicht mehr. Als Schauspieler ist man sich gewöhnt, sich mit politischen Inhalten der ganzen Menschheitsgeschichte auseinanderzusetzen. Es käme mir deshalb nie in den Sinn, ein belangloses Stück zu schreiben. Wir suchen immer ein Thema, um Kinder altersgerecht für die Problematik in unserer Welt zu sensibilisieren. Der Humor darf dabei natürlich nicht fehlen, das Stück soll sie auch verzaubern können.

Wenn Sie zurückblicken: Welche Programme entpuppten sich als Renner bei den Kindern, welche weniger?
Wirthner: Das Stück «D’Susi u dr Zouberhelm» lief früher eher verhalten. Jetzt, da künstliche Intelligenz ein Thema ist, haben wir ein volles Haus. Es hängt sehr davon ab, was gerade in den Köpfen und Herzen der Menschen präsent ist, was sie beschäftigt.
Demenga: Wenn wir Gastspiele mit bekannten Stücken einladen, sind wir ausverkauft. Ich denke da zum Beispiel an «Frederik». Bei der Eigenproduktion «Thomi rettet das Meer» handelt es sich um ein brandaktuelles Thema, die Vorstellungen waren permanent ausverkauft. Wir erhielten viele Briefe und Zeichnungen von Kindern, die begriffen haben, dass man nicht «gruusigs Züg» ins Wasser schmeissen soll.

Im Abendprogramm zeigen Sie zurzeit Szenen und Musik aus dem Leben der Modeschöpferin Coco Chanel «Genie und Wahn». Wie kamen Sie auf diese Persönlichkeit?
Wirthner: Der Zyklus «Genie und Wahn» existiert seit 2007. Frank schreibt alle Lesungen und wir realisieren jährlich sechs Vorstellungen. Bis heute sind mehr als 50 Persönlichkeiten porträtiert worden, so zum Beispiel Albert Einstein, Isaac Newton, Joachim Ringelnatz und nun eben Coco Chanel. Wir porträtieren Menschen, die unsere Kultur mitgeprägt haben.
Demenga: Coco Chanel hat eine Kulturepoche geprägt. Sie war einerseits genial, aber andererseits auch «durchgedreht», um es salopp auszudrücken. Sie hatte eine schwierige Jugend, kollaborierte während des Zweiten Weltkrieges mit den deutschen Besatzern in Frankreich und ist letztlich an ihrer eigenen Psyche zerbrochen. Sie passt deshalb ausgezeichnet ins Schema «Genie und Wahn».

In den Abendprogrammen handelt es sich nicht um Figurentheater. Mit welchen Mitteln arbeiten Sie?
Demenga: Es sind szenische Lesungen. Wir haben zwei Tische auf der Bühne. Meist spielt meine Schwester am Klavier und manchmal ist eine weitere musikalische Begleitung dabei. Es gibt einen biografischen Teil, unterlegt mit Briefen, Fakten, Zeitgenossinnen und –genossen. Ich schreibe Szenen, wie sie sich hätten zutragen können. Wir spielen sozusagen ein Hörspiel.
Wirthner: Bei diesem Zyklus haben wir ein treues Stammpublikum gewonnen, das sich aber ständig erweitert. Von Zeit zu Zeit wiederholen wir die Porträts einiger Persönlichkeiten. Es haben schliesslich nie alle Leute alle Lesungen besucht.

Was geschieht mit den Puppen, die Sie nicht mehr brauchen?
Wirthner: Es ist geplant, dass wir in Abständen von einigen Jahren die Produktionen aus unserem Repertoire wieder aufführen. Aber was nachher mit den Figuren passiert, weiss ich noch nicht. Aber zum Glück ist diese Frage noch weit weg. Ich habe schon beinahe mütterliche Gefühle für meine Puppen, die ich alle selber gestalte und so zum Leben erwecke.
Demenga: Ich habe in unserem Bauernhaus bei Guggisberg zusammen mit einem Schreiner einen Lagerraum gebaut, wo die Bühnenbilder und die Puppen sorgfältig aufbewahrt werden.

PERSÖNLICH

Karin Wirthner, geboren 1973, wuchs in Stans auf. Die ausgebildete Kindergärtnerin absolvierte einige Jahre später in Bern die Schauspielschule. Eine ihrer wichtigste Stationen war das Staatstheater Stuttgart. In der Schweiz traf sie auf Frank Demenga, wo die beiden landesweit in der freien Theaterszene unterwegs waren. 2017 übernahm sie zusammen mit Frank Demenga die Leitung des Berner Puppen-Theaters. Karin Wirthner lebt mit Frank Demenga in einem 300-jährigen Bauernhaus in der Gemeinde Guggisberg.

PERSÖNLICH

Frank Demenga wurde 1958 in Bern geboren. Nach verschiedenen Umwegen (Schule für Gestaltung, Swiss-Jazzschool und drei Jahre Puppentheater) besuchte er von 1977 bis 1981 die Schauspielschule Bern. Von 1981 bis 1988 hatte er ein festes Engagement am Stadttheater Bern und von 1989 bis 2003 war er Mitglied im Ensemble des Schauspielhauses Zürich. 2017 übernahm er zusammen mit Karin Wirthner die Leitung des Berner Puppen-Theaters. Frank Demenga wohnt mit Karin Wirthner in der Gemeinde Guggisberg.

DAS BERNER PUPPENTHEATER

1980 | gegründet durch die Puppenspieler Rolf Meyer und Martin Friedli. Der ehemalige Weinkeller an der Gerechtigkeitsgasse 31 wurde von den beiden zu einem Theaterraum umgestaltet.
1992 | Übernahme des Theaters durch die Puppenbühne Demenga/Wirth.
2017 | übernehmen Karin Wirthner und Frank Demenga die Leitung des Berner Puppen-Theaters. Figurentheater mit Marionetten, Stabpuppen, Handfiguren, Schatten­figuren, Objekten und Masken. Gespielt wird sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.

Noch bis und mit am 24. Dezember 2023 wird das Kinderprogramm «Wiehnachte für d’Alina» gespielt.

Infos und Reservationen: berner-puppentheater.ch

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