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Philippe Seydoux: Seine Werke halten dem Betrachter auch den Spiegel vor. Foto: Daniel Zaugg

Vom harten Eis zu sanften Bildern

Ex-Eishockeyprofi Philippe Seydoux hat sich durch die Kunst aus einer schweren Lebenskrise befreit. Heute trägt er mit seinen Werken positive Gedanken und starke Botschaften in die Welt.

Wenn Philippe Seydoux zurückschaut, wie sich sein Leben innerhalb der letzten Jahre verändert hat, ist er manchmal selbst erstaunt. Als Eishockeyprofi wurde er stets am nächsten Spielerfolg gemessen. Besser, härter, schneller sein als alle anderen. Heute hat er diese Welt verlassen, lehnt entspannt im Pastelloutfit an der Wand neben einem seiner Bilder. «Sich beim Sport die Zähne ausschlagen zu lassen oder rosa Wolken zu malen, ist schon was Unterschiedliches», gibt der Künstler zu. «Das ist eben mein Ausgleich, ich brauchte die Bilder als Selbsttherapie.» Denn in seinen 18 Jahren als Profi auf dem Eis erlitt der Berner etliche Knochenbrüche und Gehirnerschütterungen, dazu kamen ein Darmdurchbruch, Lyme-Borreliose und ein schwerer Velounfall. 2019 spielte er zum letzten Mal. Seydoux spricht von zweieinhalb harten Jahren, mit Rückschlägen, Ratlosigkeit, aber auch dem Willen, nie aufzugeben.

Die Kunst sei immer eine Seite von ihm gewesen, die er rauslassen wollte. «Ich hatte mir oft vorgestellt, wie mein perfektes Bild aussehen würde, traute mich aber nie, den ersten Pinselstrich zu machen.» Der Sportler ging in eine Klinik mit holistischem Ansatz. «Viele waren skeptisch, aber für mich war es das Richtige. Ich konnte die Abwärtsspirale aufhalten.» Von der Kunst umgeben, erfand er sich langsam neu, brachte die angestauten Gefühle mit Spraydosen auf Leinwände, schrieb sich so den Frust von der Seele. «Seitdem geht es mir viel besser.»

Seydoux schaut heute durchaus positiv auf seine Sportkarriere zurück: Eishockey habe ihm viel gegeben und ihn auch integriert. «Ich wuchs als Welscher in Bern auf, war oft ein Aussenseiter, wurde ausgeschlossen. Im Hockey war das anders. Als ich gut spielte, musste man mich akzeptieren.» Schon in jungen Jahren konnte er sich so eine schöne Wohnung leisten, kam herum. Er bereut nichts. «Ich bin dankbar, dass ich meine Kämpfe durchgemacht habe, weil es mir auch Erkenntnisse gebracht hat.» Er kann das Geschehene und Leidvolle jetzt mit Abstand betrachten und ruhen lassen. «Zu hassen entzieht viel Energie, lässt einen steckenbleiben. Mit Liebe kann man sehr viel überwinden.» Die eigenen Gefühle verstehen, wieder fühlend und heil werden – Seydoux ist als Mensch weitergekommen, kennt sich selbst nun besser. Deshalb macht er seine Kunst auch unter dem Motto «Feel» – spüren. In der Therapie hat er gemerkt, wie Farben, Töne und Gerüche ihn positiv beeinflussen. «Deshalb nenne ich mich Healist. Eine Mischung aus Healer und Artist.»

Der Autodidakt probierte anfangs viel aus. «Meine ersten Bilder waren düster, es war sehr viel Schmerz darin. Schwarz, blutig, aber es gab irgendwie auch immer einen hellen Streifen, eine Wolke.» Seelenmalerei mitten aus der Depression. Mit der Zeit wurden die Bilder immer heller und positiver. Und zahlreicher: «Ich hatte irgendwann echt zu viele Bilder zu Hause», lacht er. 150 sind es inzwischen, gerade sucht der Künstler ein Atelier. Vor einem Jahr präsentierte er seine Werke erstmals öffentlich. Seine Ausstellungen zeigen Seydoux’ neuen Lebensmut, eine Kunst mit Message. Love is Life. Life is love. steht auf den Bildern. Seydoux will zum Reflektieren in unserer schnelllebigen Selfiegesellschaft anregen, die oft harte Kritik verteilt. Er setzt sich mit Gendergerechtigkeit, Frauenrechten und Gleichheit aller auseinander. «Wir müssen mehr geben, mehr Liebe in die Welt tragen.» Trotz seines neugewonnenen Lebensmutes feiert Seydoux das nicht als Happy End: «Ich habe auch heute noch Schattenmomente, weiss aber, dass solche Episoden wellenartig kommen.» Er muss nicht mehr auf den Punkt fit sein, nimmt sich mehr Zeit im Leben. Aber haben das harte Spiel auf dem Eis und die oft so vergeistigte zarte Kunstwelt auch etwas gemeinsam? Seydoux wiegt den Kopf: «Ich war auf dem Feld ein kreativer Spieler und in der Kunst auch. Beide Welten haben ihre elitären Bubbles. Klar, auch die Kunstwelt kann kompetitiv sein.» Seinen Ehrgeiz habe ihn allerdings nicht ganz verlassen, gibt er zu. Er liebt immer noch das Spiel und Herausforderungen. «Aber ich habe nicht mehr das Bedürfnis, mich zu messen, gegen andere zu kämpfen. Ich habe mehr Lust auf Zusammenarbeit, aufs Zeigen und Teilen, kann akzeptieren, wenn jemand anderer Meinung ist. Was ich mache, kommt aus meinen Erfahrungen heraus.»

Und seine Positivität treibt glückliche Blüten. «Letztes Jahr stellte ich meine Bilder in der Münstergasse aus. Dort traf ich eine Frau, die begeistert war und gleich fragte, ob ich auch in einem Raum in der Rathausgasse ausstellen könnte.» Dieser Ketteneffekt hält seitdem an. Seydoux freut sich darüber: «Wenn man etwas sehr mag und es für das Gute macht, kommt’s gut.» Bei den Ausstellungen ist er immer gespannt auf die Reaktionen. «Den Leuten gefallen die Farben oder Texte auf den Bildern. Sie fühlen sich in den Räumen wohl. Die Rückmeldungen sind fast ausschliessliche positiv. Das ist anders als im Hockey damals.» Zu viele Fehlpässe muss sich Seydoux nun nicht mehr vorhalten lassen. Höchstens Urteile des Geschmacks: «Ok, manche sagen, dass rosarot einfach nicht ihre Farbe ist», lacht er.

Derzeit ist seine Kunst in den Restaurants Zoe und Die vierte Wand zu sehen. Seydoux ist ein guter Netzwerker, der keine Scheu vor Schrägem oder Kommerziellem hat. Er weiss: «Die Türen in ein Museum sind für viele sehr schwer. Ich will da mit meinen Ausstellungen Zugänge schaffen.» Er denkt in einem Gesamtkonzept, setzt neben Farben, Messages und Licht auch Düfte und Geschmäcker ein. Der Stress soll draussen bleiben. Ein Wohlfühlort entsteht. Ende Dezember wird er in diesem Konzept die Fernweh Bar in Bern beleben. Ein Teil der Einnahmen wird an Frauenhäuser gespendet.

Dieser Tage erscheint zudem sein erstes Buch: Ein buntes Werk, grossformatig, bilingue. Seydoux blättert darin, freut sich über die Illustrationen von Alice Lobsiger. «Mein Vater übersetzte für seine Theatergruppe Fabeln von Jean de La Fontaine von Französisch auf Berndeutsch. Ich brachte typische Berner Ausdrücke und Reime hinein.» Und was ist Seydoux nächster Kunsttraum? Er springt auf, seine Augen leuchten: «Ich will grössere Bilder schaffen, mit Pinseln, die an Hockeystöcken befestigt sind. Meine ganze Energie, den Schwung auf die Leinwand bringen.»

PERSÖNLICH

Philippe Seydoux (38), ledig, stammt aus Bern. Er war Eishockeyprofi, spielte u.a. für Kloten, Fribourg, Biel und Langenthal. Heute ist er als Künstler aktiv.

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