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Co-Präsidentin Ursula Stöckli in der Brunngasse. Foto: Daniel Zaugg
150 JAHRE RATHAUSGASS-BRUNNGASS-LEIST (RBL)

Wohnen und arbeiten auf kleiner Fläche

Rund 700 Personen wohnen in den beiden Gassen. Unterschiedliche Interessen von Gewerbe und Anwohnenden zu wahren und ins Gleich­gewicht zu bringen, ist eine Daueraufgabe der Leistverantwortlichen. Der BärnerBär hat mit Co-Präsidentin Ursula Stöckli gesprochen.

Gesprächsort ist das Lagerhüsli des Leists gleich neben dem Brunngassbrunnen, «das mit der rot-schwarzen Türe», wie Co-Leistpräsidentin Ursula Stöckli am Telefon vorgängig präzisiert. Es ist ein kalter Januar-Morgen, Ursula Stöckli bringt in einer Thermosflasche wärmenden Kaffee und Gipfeli mit. Ein aufmunternder Gesprächseinstieg ist garantiert.

Für Ursula Stöckli ist es selbstverständlich, Mitglied des Leists in ihrem Wohngebiet zu sein, sie war es schon im «Breitsch», wo sie aufgewachsen ist. Sie will nicht nur Leistungen konsumieren, sondern aktiv am Quartierleben mitwirken, mit der passiven Statistenrolle gibt sich die umtriebige Co-Präsidentin nicht zufrieden. Mühe, neue Leistmitglieder zu finden, bekundet der Rathausgass-Brunngass-Leist nicht. «Wenn sich neues Gewerbe in den Gassen ansiedelt, kontaktieren wir die Gewerbetreibenden persönlich und statten ihnen einen Besuch ab», schildert Ursula Stöckli den Erstkontakt zu potenziellen Mitgliedern. Durch die Leist-Zugehörigkeit erhielten die Mitglieder vereinfachten und effizienten Zugang zu den Stadtbehörden, das Gewerbe sogar eine vergünstigte Mitgliedschaft bei BernCity, wirbt die Präsidentin für die Mitgliedschaft.

Dirnenwesen und ein Mord
Zur Gründungszeit 1874 gab es noch zwei getrennte Leiste: den Metzgergass- und den Brunngass-Leist, was dem damaligen Zeitgeist entsprach. Erst um 1905 vereinigten sich die beiden Leiste. Im Protokoll von 1874 wurde der Zweck des Leists unter anderem wie folgt festgehalten: «Gegenseitige Unterstützung zur Vertilgung des schlechten Namens unserer Stras-se seit dem enormen Aufschwung des Dirnenwesens.» Mit der Strasse war die Metzgergasse gemeint. Der zwielichtige Ruf setzte sich auch im 20. Jahrhundert fort. So bewegte der Mord an der Prostituierten Hulda Hotz im September 1961 das beschauliche Bern. 1991 verjährte der Mordfall, ohne dass er je aufgeklärt werden konnte.

1971 – zehn Jahre nach dem Mord – wurde die Metzgergasse auf Initiative des Leists in Rathausgasse umbenannt. Das zwielichtige Image ist verschwunden, heute gibt es eine ausgewogene Mischung aus Gastgewerbe, Gewerbe, Kleinkunst und Anwohnerschaft in jeder Alterskategorie. Der Asphaltbelag wurde 2020 nach umfangreichen Leitungssanierungen durch eine Pflästerung ersetzt, womit das Bild der Gasse nun den UNESCO-Vorstellungen entspricht.

Seit 1874 ein Dauerthema
In den beiden Gassen lebt es sich äusserst verdichtet. «Wohl in keinem anderen Stadtteil leben und arbeiten so viele Menschen auf so wenigen Quadratmetern», fasst Ursula Stöckli zusammen. «Wenn man so nah beieinander wohnt und arbeitet, wären Rücksicht, Respekt und Anstand angebracht.» So sind denn Konfrontationen, hervorgerufen durch unterschiedliche Interessen und Ansprüche, sozusagen vorprogrammiert. «Ja, es ist ein Dauerthema – und zwar seit mindestens 1874», bestätigt die Präsidentin und gibt gleich ein aktuelles Beispiel: «Viele Anwohnende der Brunngasse haben hier auch die Garagen für ihr Auto. Um in die Brunngasse zu gelangen, müssen sie zuerst in die Rathausgasse fahren. Wenn sie beispielsweise nachts nach Hause zurückkehren und ihr Fahrzeug in die Garage stellen möchten, werden sie oft von Gästen, die sich auf der Gasse aufhalten, an der Weiterfahrt behindert und beschimpft. Das geht natürlich nicht. Die Brunngass-Bewohnerinnen und –Bewohner müssen unbehelligt ihre Wohnung erreichen können.»

Zusammen mit Polizei, Gewerbepolizei, Feuerwehr, Bar- und Clubkommission erörterte der RBL das Problem und suchte nach Lösungen. Mit Bierdeckeln für die Restaurants sowie Plakaten wurde auf die Nachtruhe und die Rücksicht aufmerksam gemacht. «Wir kamen zum Schluss, dass die Gastrobetriebe einen Teil der Verantwortung zu tragen haben», sagt Ursula Stöckli. Im Gegenzug fordert sie aber auch von den Anwohnenden eine gewisse Toleranz: «Man kann nicht verlangen, dass um 22 Uhr völlige Ruhe herrscht. In der Innenstadt zu wohnen bedeutet Lebendigkeit, Vielfalt, Kontakt. Dessen müssen sich die Menschen bewusst sein, wenn sie unsere Gassen als Wohnort wählen.» Permanente Aufklärungsarbeit aller Beteiligten gehört deshalb zur Daueraufgabe des Leist-Vorstandes – seit 1874 …

Ein Brunnen gibt zu reden
Zurzeit bewegt ein Brunnen die Gemüter einiger Gastrobetriebe in der Rathausgasse. Ein anonymer Spender möchte der Rathausgasse den seit 1928 als verschollen geltenden Brunnen spenden und neu setzen lassen. Dagegen regt sich Widerstand, weil die betroffenen Wirte um ihre Aussenplätze fürchten, denn der Brunnen sollte – wie früher – in der Mitte der Gasse aufgestellt werden. Leist-Präsidentin Ursula Stöckli sieht hier eine wichtige Koordinationsfunktion ihres Leists. «Wir versuchen, im Gespräch eine für alle Beteiligten verträgliche Lösung herbeizuführen», sagt sie diplomatisch. Zurzeit werde stadtintern abgeklärt, ob der Brunnen so gesetzt werden könne, dass die Gastrobetriebe nicht in ihrer Existenz bedroht wären.

Sorgen bereitet der Leist-Präsidentin seit längerer Zeit das ungelöste Parkierproblem in der unteren Altstadt. «Ein Verkehrskonzept sieht vor, die 48-Stunden-Parkierkarten abzuschaffen, um die parkierten Autos aus den Gassen zu verbannen. Als Ersatz könnten die Anwohnenden vergünstigte Parkkarten für das Rathaus-Parking lösen.» Der Warenumschlag würde verbessert. Das Konzept sei aber durch Einsprachen aus anderen Gassen blockiert. «Für unser Leistgebiet wäre diese Lösung aber ein echter Gewinn. Es hat schlicht zu wenig Platz in unseren Gassen. Ich hätte gewünscht, dass es zum 150-Jahr-Jubiläum unseres Leists geklappt hätte», bedauert sie.

Zu den geplanten Feierlichkeiten des Jubiläums gibt sie sich noch bedeckt. Nur soviel: «Ein gediegenes, illustriertes Buch soll die bewegte Geschichte des Leists dokumentieren. Weiter ist ein Audio-Gassenrundgang geplant und die von den Gastrobetrieben kreierten ‹RBL-Drinks› werden die Zungen lösen – sozusagen als witziger Einstieg ins Jubiläum», verrät Ursula Stöckli. Auch seien Ende April und Ende August zwei Termine für Events im Schlachthaus-Theater reserviert. Rathaus- und Brunngässler sowie Gäste dürfen gespannt sein …

PERSÖNLICH

Ursula Stöckli, geboren 1965, ist im Berner Breitenrainquartier aufgewachsen. Die diplomierte Elektroingenieurin FH betreibt in Zollikofen seit 23 Jahren ihr eigenes Büro. Seit 2019 politisiert sie für die FDP im Berner Stadtrat. Dem Rathausgass-Brunngass-Leist RBL ist sie 2014 beigetreten und seit 2021 präsidiert sie den RBL zusammen mit Adrian Götschmann. Ursula Stöckli ist ledig und wohnt in der Brunngasse.

DER RBL AUF EINEN BLICK

  • Gegründet 1874
  • Heute ca. 130 Mitglieder
  • Der RBL setzt sich dafür ein, dass das Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten und Vergnügen möglich bleibt und Spass macht.
  • Jährliche Durchführung des Brunnehöflifestes in der Brunngasse.
  • Mitgliederbeiträge:
    CHF 50.– für Einzelmitglieder
    CHF 60.– für Paarmitglieder
    CHF 80.– für Keller- und Etagengeschäfte
    CHF 150.– für Parterregeschäfte
    CHF 150.– für Hauseigentümer:innen
  • Präsidium: Ursula Stöckli und Adrian Götschmann
  • Rund 700 Bewohner:innen im Leistgebiet
  • Publikationsorgan: BrunneZytig

Weitere Infos: bern-altstadt.ch

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