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Zoo-Direktorin unter Beschuss

Im Berner Tierpark soll unter den Mitarbeitenden eine miserable Stimmung herrschen. Die Vorwürfe richten sich vor allem an Direktorin Friederike von Houwald. Doch stimmen sie auch?

Als am 22. November bekannt wird, dass der Streichelzoo des Tierparks Dählhölzli geschlossen werden soll, ist die Empörung über die angedachte Aufhebung bei vielen Leuten riesig. Die Online-Kommentarspalten füllen sich in Windeseile. «Hat da eine, von weit her eingeflogene Direktorin, mal zeigen wollen, dass sie etwas macht für ihr Gehalt?», gelesen bei bund.ch, ist noch einer der harmloseren Beiträge. Die Schuldige, sie ist schnell gefunden: Tierpark-Direktorin Friederike von Houwald.

«Unüberlegt» kommentiert Bernd Schildger die Pläne exklusiv im BärnerBär. Der Professor der Tiermedizin leitete die Geschicke des Berner Tierparks fast ein Vierteljahrhundert lang, bevor er Ende 2021 zurücktrat. «Die Pferde haben es im Kinderzoo besser als die allermeisten privat gehaltenen Pferde. Die Meerschweinchen-Anlage ist eine Demonstration dafür, wie Meerschweinchen gehalten werden sollten. Dasselbe gilt für die Kaninchen. Insofern kommt mir das Argument, wonach die Tierhaltung dort nicht mehr zeitgemäss sein soll, an den Haaren herbeigezogen vor.»

«Politisch korrekte, aber völlig falsche Philosophie»
Tatsächlich muss die Frage, ob es aus heutiger Perspektive noch Sinn macht, Tiere als Streichelobjekt zu halten, erlaubt sein. Schildger hat dazu eine eindeutige Meinung: «Wenn ein Zoo glaubt, Tiere nicht mehr streicheln zu dürfen, stellt er im Endeffekt den gesamten Zoo infrage. Denn jeder Zoo nutzt die Tiere ja dauernd, eben um die gute Sache Mensch und Tier zusammenzubringen. Insofern ist das ein die Existenzberechtigung der Zoos negierender Gedanke.»

Doch fühlen sich Ponys und Ziegen nicht gestresst, wenn ihnen kreischende Kinder hinterherlaufen? «Blödsinn», sagt Schildger. «Geissen können sich in Areale zurückziehen, wo Besucher gar nie hindürfen. Hätten sie keinen Bock auf den Menschen, wären sie an diesen anderen Orten. Die Argumentation ist Unsinn aus der Warte des Tieres. Es ist eine moderne, politisch korrekte, aus tierischer Sicht hingegen völlig falsche humane Philosophie.»

Als sich die Wogen schon ein wenig geglättet zu haben scheinen, erhält diese Zeitung plötzlich mehrere Hinweise. Im Tierpark würden noch «weit schlimmere Dinge» laufen, heisst es. Die von den Tamedia-Zeitungen aufgedeckten Pläne seien im Vergleich dazu harmlos. Die Vorwürfe richten sich direkt an die amtierende Direktorin – und sie sind happig: Von Houwald sei mit ihrem Job komplett überfordert, überwache ihre Mitarbeitenden systematisch, manche litten durch das garstige Betriebsklima gar an psychischen Erkrankungen.

Eine vertrauenswürdige Quelle, deren Name dem BärnerBär vorliegt und die mit den Vorgängen innerhalb des Tierparks seit Jahren bestens vertraut ist, ist überzeugt: «Von Houwald will sich ein Denkmal setzen. Der Fussabdruck ihres Vorgängers ist eindeutig zu gross – nun merkt sie, dass sie nicht reicht und probiert nun, etwas Unrealistisches zu schaffen.»

Tierpark-Insiderin bricht in Tränen aus
Bernd Schildger, der angesprochene Ex-Tierpark-Direktor wiederum, hat kein Problem damit, Klartext zu reden. «Seit meiner Pensionierung vor zwei Jahren war ich genau dreimal an meinem ehemaligen Arbeitsplatz.» Beim ersten Besuch habe er einen Tierpfleger, den er von früher noch selbst sehr gut kenne, «völlig demotiviert» angetroffen. Das zweite Mal sei er zum Abschied von zwei Tierpflegerinnen eingeladen gewesen, die ebenfalls von sich aus gekündigt hatten. «Zwei Top-Frauen.» Den letzten Besuch, eine Pensionierung eines langjährigen Angestellten, hätte er sich schenken können, führt Schildger weiter aus. «Nach einer Stunde bin ich geflüchtet, weil viele jammerten, wie schlecht es Ihnen im Tierpark gehe.»

Komplett anders tönt es freilich bei der amtierenden Tierpark-Direktorin Friederike von Houwald. Miese Stimmung? «Im Gegenteil», sagt sie. «Die Zusammenarbeit im Tierpark Bern ist ungebrochen gut.» Man gehe «sehr bedacht vor im Wissen, dass es immer positive und negative Stimmen geben wird. Diese sind auch erwünscht – solange sie konstruktiv bleiben.» Und schliesslich: «Ich habe wunderbare Mitarbeitende!» Alles halb so wild also?

Mitnichten, behauptet unsere Quelle – und bricht dabei in Tränen aus: «Die Frau muss weg! Sie hat null Führungsqualitäten, obwohl sie so tut, als wüsste sie alles besser. Ausserdem geht ihr Empathie völlig ab.» Schildger meint dazu: «Der Zoo ist nicht die persönliche Spielzeugeisenbahn des Direktors. Genau den Eindruck habe ich aber jetzt. Und die Mitarbeitenden werden zu Zugwaggons, die man beliebig aufs Abstellgleis schickt.» Wie der BärnerBär weiss, wurde eine Befragung der Mitarbeitenden zu den Zuständen innerhalb des Berner Tierparks in Erwägung gezogen – durchgeführt wurde sie allerdings nie. Aus Angst, von Houwald könnte dies als persönlichen Affront empfinden. Diese wiederum soll ihre Mitarbeitenden zudem explizit davor gewarnt haben, mit Medien zu sprechen – andernfalls drohten «weitreichende Konsequenzen».

«Kontrollfreak? Ja und nein!»
Und was ist mit dem Vorwurf, Friederike von Houwald sei ein Kontrollfreak? Laut der anonymen Quelle hat sie eine Mitarbeiterin einmal sogar zum Arzt begleiten wollen. Mit der Begründung: «Ich will schliesslich wissen, was dir fehlt.» Ein solches Verhalten wäre rechtlich problematisch. Auf Anfrage erklärt die frühere Kuratorin des Basler Zolli: «Kontrollfreak? Ja und nein. Es stimmt schon, dass ich Dinge gerne verstehe und ihnen auf den Grund gehe. Gleichzeitig gebe ich Aufgaben und Verantwortung auch gerne ab, weshalb ich Veränderungen in der Organisation des Tierparks vorgenommen habe. Es ist schlicht nicht notwendig, Kontrollfreak zu sein.» Dafür sei das Engagement im Tierpark definitiv zu gross.

Der BärnerBär ging noch zwei weiteren Vorwürfen nach. Der eine lautet: Im Tierpark sei es in den letzten Monaten zu einer veritablen Kündigungswelle gekommen. Von Houwald entgegnet darauf: «Die Fluktuationen sind im Tierpark Bern über die letzten zehn Jahre sehr ähnlich.» Der andere: Von Houwald weigere sich partout, am Wochenende zu arbeiten. Einmal habe sie es an einem Samstag deswegen verpasst, den Freundeverein des Zoo Basel persönlich in Empfang zu nehmen. Die 54-Jährige widerspricht klar: «Ich hatte schon mehr von meinen Weekends als während einer Pandemie, einer Energiemangellage, der aufkeimenden Vogelgrippe und der Erarbeitung einer Gesamtplanung und anderen Themen, welche sich schlicht nicht von meiner ‹Frei-Zeit› fernhalten lassen.» Der BärnerBär hat zudem Kenntnis von einem tragischen Vorfall, den er an dieser Stelle allerdings unkommentiert lässt.

Kommt nun Bernd Schildger zurück?
Die Vorwürfe an Friederike von Houwald beschäftigen auch den zuständigen Gemeinderat Reto Nause. Der Mitte-Politiker stärkt der Tierpark-Direktorin indes demonstrativ den Rücken. «Fachlich ist sie eine Koryphäe. Zudem wurde die Neuausrichtung des Tierparks von den obersten Entscheidungsgremien bestätigt, sprich: von der Tierparkkommission und vom Gemeinderat. Und auch sonst höre ich viel Gutes.»

Doch wieso erhält die Belegschaft dann Unterstützung von einem Psychologen, wenn ja alles in Ordnung ist? Zudem muss jene Person für das Tierpark-Personal telefonisch rund um die Uhr erreichbar sein. Nause meint dazu: «Der von Ihnen angesprochene Psychologe kommt zum Schluss, dass es tatsächlich einzelne Stimmen gibt, die unzufrieden sind. Der Grossteil der Mitarbeitenden hingegen ist äusserst motiviert und trägt die Neuausrichtung hin zu mehr Biodiversität und Artenschutz mit.» Nause persönlich hat «ebenfalls nicht den Eindruck, dass eine generelle Unzufriedenheit» herrsche.

Die Stimmen, die die Absetzung von Friederike von Houwald fordern – zuständig dafür wäre der Gesamtgemeinderat – werden trotz aller Beteuerungen kaum leiser. Es sind die gleichen Leute, die sich Bernd Schildger als Tierparkdirektor zurückwünschen. Wäre eine Stelle als Troubleshooter für den mittlerweile 67-Jährigen überhaupt ein Thema? «Zum einen nehme ich aktuell ein vergleichbares Mandat in einem anderen Zoo wahr. Zum andern, da ich zu denen gehöre, die mit Medien offen sprechen, wird man mich kaum holen, um aufzuräumen. Sowieso ist es mir wichtiger, dass es dem Tierpark gutgeht, als dass ich einen zusätzlichen Job habe.»

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