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Ivan Madeo zu Gast im Chalet Muri bei Claudio Righetti. Foto: zvg
Claudio Righetti im Gespräch mit Ivan Madeo

Getroffen im Chalet Muri

Chalet Muri-Gastgeber Claudio Righetti unterhält sich mit «Davos 1917»-Produzent Ivan Madeo über Schweizer Filmproduktionen und die Oscars.

«Davos 1917» ist mit einem Budget von 18 Millionen Franken die bislang teuerste, aber auch die international erfolgreichste fiktionale SRF-Produktion der letzten Jahre – in aller Munde, ein grossartiger Publikumserfolg! Dürfen wir uns schon auf eine Fortsetzung freuen?
Der nationale und internationale Erfolg unserer Spionageserie ist für alle Involvierten ein grosses Geschenk und war in der Form nicht zu erwarten. Als Produzenten würden wir uns natürlich sehr freuen, wenn es eine zweite Staffel geben würde. Ob es dazu kommt, können wir noch nicht sagen, weil bei einem Riesenprojekt wie «Davos» viele Parteien mit viel Geld involviert sind und alle nochmals grünes Licht geben müssen.

Die beeindruckenden Kulissen und vollendeten Kostüme führen uns zurück in eine andere Zeit – die Liebe für das Detail ist in der Serie allgegenwärtig. Was ist das Geheimnis einer derartigen Perfektion, einer so wunderbaren Film-Ästhetik?
Es gibt kein Geheimnis. Es ist die ideale Zusammenarbeit gezielt ausgewählter Profis aus dem In- und Ausland, die alle schon Erfahrung mit historischen Produktionen dieser Grössenordnung hatten. Und sie haben für diese Serie alles gegeben, weil sie die Drehbücher so mochten.

Bei diesen Qualitätsmerkmalen und Ansprüchen denkt man sogleich an den Streaming-Giganten Netflix – ein erstrebenswertes Ziel für eine Schweizerproduktion oder doch eher Utopie?
Eine Zusammenarbeit mit Netflix, Disney und anderen Streaming-Plattformen ist keine Utopie. Dank dem revidierten Filmgesetz, das seit Anfang Jahr im Kraft ist, ist das eine gelebte Realität und eine Bereicherung für die Zukunft der Schweizer Filme und Serien.

Die Schweizer Schauspielerin Dominique Davenport – für mich DIE Entdeckung in der Serie! Für ihre Rolle als «Johanna» wurde sie an den Solothurner Filmtagen als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Wie läuft das Casting bei einer so wichtigen Produktion?
Unsere zwei Casting Directors, Nina Moser und Emrah Ertem, haben für uns ein internationales Casting durchgeführt. Zusammen mit den Sendern haben wir uns über mehrere Monate und Casting-Runden hinweg unzählige Darstellerinnen angeschaut, von sehr bekannten bis unbekannten. Dominique war beim ersten Casting noch völlig übermüdet, weil sie direkt vom Dreh ihrer ersten «SISI»-Staffel eingeflogen kam und keine Stunde geschlafen hatte. Aber sie hat sofort einen Eindruck hinterlassen, der sie von den Kolleginnen abhebt.

Hand aufs Herz: Wie viele schlaflose Nächte hattest du? Die Herausforderungen für dieses Film-Projekt waren bestimmt so immens wie vielseitig …
Ich kann sehr viel schneller zusammenrechnen, wie viele schlaflose Nächte ich nicht hatte (lacht).

Was war dein persönlicher, besonderer Moment, den man nie vergisst, mit Davos 1917?
Es gab unzählige. Ich werde aber niemals vergessen, mit welchen Bedenken ich im schneearmen Winter 2023 mit unserem 100-köpfigen Team in ein braun-matschiges Davos gefahren bin, wo wir am Folgetag verzuckerte Schneelandschaften hätten drehen sollen, weil sie der Schauwert der Serie sind. Und stell dir meine Erleichterung vor, als es in der allerletzten Nacht vor Drehbeginn auf der Schatzalp plötzlich zu schneien begonnen hat – das war mein persönlicher «Zauberberg»-Moment.

Du kommst gerade von der Berlinale – die Schweiz ist als «Filmland» im Ausland bestenfalls für alpine Settings bekannt (James Bond sei Dank!) – Davos 1917 ist zum ersten Mal gross «gedacht», setzt ambitionierte Massstäbe – was verändert sich?
Ich denke, «Davos 1917» ist ein Pionierprojekt, das nicht nur dem Ausland, sondern auch uns hierzulande zeigt, wozu wir in der Schweiz fähig sind. Ich hoffe, die Serie bringt insofern eine Veränderung, als dass wir künftig vermehrt den Mut haben, gross zu träumen.

Wie siehst du die Schweizer Filmförderung – macht die Politik genug, beziehungsweise das richtige?
Die Schweizer Filmförderung als «gut genug» zu bezeichnen, ist zu wenig ambitioniert. Schweizer Politikerinnen und Wirtschaftskapitäne haben oft ein veraltetes Bild der Schweizer Filmbranche als Hobbyverein von Alt-68ern und übersehen, dass sich dieser Kulturzweig mit der Streaming-Revolution der letzten Jahre komplett verändert hat. Es ist eine aktive Generation von Filmschaffenden am Drücker, Privatinvestoren steigen mit an Bord. Film ist ein Geschäft.

Was könnte man besser machen?
Die Schweizer Filmförderung hat jüngst wichtige Fortschritte gemacht – mit der Standortförderung FiSS und der sog. «Lex Netflix». Doch wenn man sich anschaut, was Österreich letztes Jahr mit seinen Förderanreizen erreicht hat, wird schnell klar, dass die Schweiz mehr tun muss. Sonst verlieren wir sämtliche internationalen Projekte, welche Alpenlandschaften benötigen, an Österreich, weil es finanziell attraktiver ist, dort zu drehen. Kurz gesagt: Auch im Filmfördersystem müssen wir internationaler denken. Denn jeder Franken, der in einen Schweizer Film investiert wird, ist ein Vielfaches an Investition, die in die Schweizer Privatwirtschaft zurückfliesst.

Deine Firma, Contrast Film, ist eine Pionierin in der Schweiz, hat viele richtungweisende Projekte realisiert – wann ist für dich ein Film, eine Serie gut?
Gute Frage … Wir sagen uns oft im Team: Wenn wir ab einer Filmidee zunächst erschrecken, weil sie so anders, so mutig oder auch einfach so überzeugend ist, dann ist da was. Dann sollten wir nicht dem ersten Impuls folgen und zurückweichen, sondern dranbleiben.

Am Wochenende werden die Oscars vergeben – wer gewinnt? Dein Tipp und weshalb: Bester Film, beste/bester Hauptdarsteller/In.
Ich tippe auf «Poor Things» als Bester Film, wobei die meisten mit «Oppenheimer» rechnen und ich persönlich es «Anatomie d’une chute» gönnen würde. Dann könnte ich mir vorstellen, dass es Emma Stone (Poor Things) als Beste Hauptdarstellerin und Paul Giamatti (The Holdovers) als Bester Hauptdarsteller schafften.


CR: Und zum Schluss: Welche Frage darf ich dir beantworten?
IM: Claudio, warum hast du eigentlich noch nie einen Film produziert – oder mitproduziert?

CR: Mein Grossvater lehrte mich: Schuster, bleib bei deinen Leisten! (lacht) Reizen würde es mich schon… denn ich bewege mich oft nahe an der Filmwelt und packende Geschichten erzählen, z. B. über eine Marke, sind auch für meine Arbeit grundlegend – wenn ich könnte, würde ich einen Film über Ursula Andress drehen: Eine schier unglaublich spannende und bewegte Lebensgeschichte rund um die Welt – und das in einer Zeit des Aufbruchs, wo alles und jedes möglich erschien. cr

PERSÖNLICH

Ivan Madeo promovierte als Filmjournalist und Psychologo an der Uni Freiburg. Er ist Mitbegründer der Contrast Film Bern und Zürich. Einige der bekanntesten Produktionen der Contrast Film sind z. B. die Serie «Davos 1917», die Kinofilme «Der Kreis», «Stürm» und «Stella. Ein Leben.» sowie mehrere «Tatort»-Folgen. Er war Schweizer «Producer on the Move» 2017 in Cannes und wirkte an zahlreichen Filmfestivals als Jury-Mitglied mit. Er ist u.a. Mitglied der European Film Academy, der Schweizer Filmakademie und der Eidg. Filmkommission sowie Vorstandsmitglied des Schweizer Filmproduzentenverbands SFP.

IVAN UND BERN

Ich schätze an Bern besonders:
Die Aare, das feine Basler Brot der Reinhard Bäckerei und die Bärner-Schoggi der Migros, die mir eigentlich zu süss ist, ich aber trotzdem immer kaufen muss, wenn ich in Bern bin – schon nur für alle Göttikinder.

Das mache ich am liebsten in Bern:
All meine Berner Freundinnen und Freunde treffen, die ich zu selten sehe.

Ich vermisse in Bern:
Manchmal fehlt mir in Bern ein Gespür für den Moment. Der Mut, auch mal riskante Entscheidungen zu treffen. Die Bereitschaft, grössere Taten umzusetzen und nicht nur darüber zu reden, bis sie kaputtdiskutiert oder überholt sind. In der Bundespolitik ist Berns Vorsicht angebracht, in der Gestaltung einer lebenswerten Stadt der Zukunft hingegen nicht zwingend.

Flüstere dem Bär etwas.

In der Flüstertüte berichtet der BärnerBär immer wieder über Gerüchte aus der Hauptstadt. Du hast etwas gesehen oder gehört, von dem der Bär wissen sollte? Hier kannst du es ihm flüstern!

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