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Christian Ryser ist seit 2018 Geschäftsführer der Stiftung Berner Gesundheit. Fotos: Fabian Hofmann

Wir investieren zu wenig in die Prävention

Christian Ryser, Geschäftsführer der Stiftung Berner Gesundheit, stellt in den letzten Jahren ein verändertes Suchtverhalten fest. Bei der Präventionsförderung gibts im Kanton Bern noch Luft nach oben.

Herr Ryser, haben Sie auch eine Sucht?
(Lacht) Ja, wenn ich mich nicht bewegen kann, werde ich grantig. So gesehen bin ich «bewegungssüchtig»!

Wann ist jemand süchtig?
Wenn man gesunde Verhaltensweisen aufgibt wegen einer Sucht: Man trifft sich nicht mehr mit Menschen, zieht sich zurück, geht beispielsweise wegen Spielsucht wirtschaftliche Risiken ein. Man weiss zwar um die Sucht, kann aber nicht mehr aufhören. Das sind Anzeichen einer Abhängigkeit. Ich kann nicht mehr frei entscheiden, sondern werde von der Sucht getrieben.

In Ihrem Angebot listen Sie fünf Bereiche auf: Suchtberatung, Gesundheitsförderung und Prävention, Sexualpädagogik, Mediothek und Pflegefamilien. Welcher Bereich beschäftigt Sie am meisten?
Es sind die zwei grosse Bereiche, wofür wir mit dem Kanton Bern einen Leistungsvertrag haben: Gesundheitsförderung, Prävention und Sexualpädagogik einerseits sowie Beratung und Therapie andererseits. Wir versuchen, dieses Zusammenspiel interdisziplinärer zu gestalten: Je erfolgreicher wir in der Prävention sind, desto weniger brauchen wir Beratung und Therapie. Die Nachfrage nach Letzteren ist riesig – leider, muss man sagen. Wir investieren in der Gesellschaft zu wenig in die Prävention. Unser Gesundheitswesen würde dadurch langfristig entlastet. Etwas mehr als 25 Prozent unserer Mittel entfallen auf die Bereiche Gesundheitsförderung, Prävention und Sexualpädagogik und knapp 75 Prozent auf Beratung und Therapie.

Sie arbeiten mit einer Vielzahl von Organisationen zusammen, behördlichen und privaten. Wie schwierig ist es, sich die Aufgaben aufzuteilen und zu koordinieren?
Es gibt ein Suchthilfekonzept, welches die Verantwortlichkeiten festhält. Pro ambulanten Bereich sieht das Konzept einen bis zwei Anbieter vor. Die Zusammenarbeit ist uns ein grosses Anliegen. Durch Kooperationsvereinbarungen mit zahlreichen Institutionen standardisieren wir die Zusammenarbeit. Gerade bei medizinischen und psychotherapeutischen Fragen können wir die Klient:innen dank der geregelten Zusammenarbeit mit Fachorganisationen gezielt zuweisen – und sie wiederum an uns.

Was hat sich in den 25 Jahren seit Bestehen Ihrer Stiftung markant verändert?
Zu den klassischen Suchtformen wie Alkohol, Tabak und Cannabis sind mehr und mehr Verhaltenssüchte dazugekommen. Ich denke an Gaming, Gambling, soziale Medien. Das sind gesellschaftlich tolerierte Suchtformen. Der Übergang von einer sinnvollen Tätigkeit an einem digitalen Gerät bis zur Abhängigkeit ist fliessend und deshalb schwierig zu eruieren.

Stellen Sie die Abhängigkeit von digitalen Medien eher bei den «digital natives» fest oder auch bei der älteren Generation?
Eine Untersuchung dafür haben wir nicht gemacht, aber ältere Bevölkerungsgruppen, die nicht digital aufgewachsen sind, haben eher eine gesunde Distanz bei der Nutzung. Die Schwierigkeit liegt im sinn- und massvollen Umgang mit digitalen Medien. Es gibt keine Regulierung im Gerät bezüglich Inhalt der Informationen und Nutzungsdauer. Es ist bekannt, dass sich viele Kinder und Jugendliche nicht genügend bewegen. Vergleicht man nun die Zeit, die sie am Gerät verbringen, mit der körperlichen Bewegungszeit, ergibt sich ein krasses Missverhältnis.

Wo steht der Kanton Bern bezüglich Suchtprävention und –bekämpfung im Vergleich zu anderen Kantonen?
Bei der Prävention sind wir in Bezug auf die Ausgaben im Vergleich zu anderen Kantonen unterdurchschnittlich unterwegs. Dass es eine Stiftung wie die Berner Gesundheit gibt, finde ich grossartig. Die Angebote sind kostenlos und daher niederschwellig zugänglich.

Eigentlich sollten mehr Mittel für die Prävention zur Verfügung stehen.
Unbedingt! Es hängt letztlich von politischen Entscheiden ab. Wenn sich das Parlament durchringen und sich intensiv auf Prävention fokussieren könnte, kämen wir unserem Ziel einen riesigen Schritt näher. Es ist zugegebenerweise schwierig, den Wirkungsnachweis der Prävention sofort zu erbringen. Es ist ein jahrzehntelanger Prozess, bis ein Systemwechsel greift.

Die Droge Crack macht in letzter Zeit wieder von sich reden. Wie sieht es im Kanton Bern damit aus?
Bis jetzt ist das Problem kaum öffentlich sichtbar und es zeichnet sich (noch) kein Wiederentstehen einer offenen Drogenszene ab. In unserem Regionalzentrum in Biel sind einzelne Fälle aufgetreten. Personen, die mit Crack handeln, sind nicht überall gleich präsent; woran das liegt, ist zum heutigen Zeitpunkt nicht verlässlich bekannt. Wir sind auf fachlicher Ebene schweizweit gut vernetzt, so dass wir uns austauschen und geeignete Massnahmen rechtzeitig ergreifen können, sobald ein neues Phänomen auftritt.

Welche konkreten Projekte stehen in nächster Zeit an für die Berner Gesundheit?
Wir arbeiten daran, eine Systematik in den Übergangsbereich zwischen Prävention, Beratung und Therapie zu bringen. In jedem Gesundheitszustand gibt es einen Anteil Prävention und einen Anteil Therapie. Man ist nie weder ganz gesund noch ganz krank, man hat in jeder Situation die Möglichkeit, die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern, egal auf welchem Niveau.

PERSÖNLICH

Christian Ryser, geboren 1969, wuchs in Grenchen auf. Der ausgebildete Sportlehrer und Sportmanager ETH arbeitete u. a. neun Jahre bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung als Geschäftsleiter, bevor er 2018 Geschäftsführer der Stiftung Berner Gesundheit wurde. Ryser ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Bern.

BERNER STIFTUNG GESUNDHEIT

Die Kernaufgaben der 25-jährigen Stiftung Berner Gesundheit sind Gesundheitsförderung und Prävention, Sexualpädagogik sowie Suchtberatung und –therapie. Diese Dienstleistungen erbringt die Stiftung im Auftrag der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern.

Mit vier Regionalzentren und zusätzlichen Standorten ist die Berner Gesundheit im ganzen Kanton Bern vertreten. Die Angebote sind sowohl in Deutsch als auch Französisch erhältlich. Politisch und konfessionell ist die Stiftung unabhängig.

Weitere Infos: bernergesundheit.ch

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