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Die Rolle einer paranoiden Witwe und Stalkerin ging ihr nahe

Die Schauspielerin Corinne Thalmann hat die Leitung des Theaters Matte abgegeben und sich eine Auszeit in den Bergen genommen. Nun steht sie bald wieder auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Corinne Thalmann trägt einen knallorangen Mantel des Berner Labels PAMB, das sich 2018 auflöste. Evelyne Pfeffer, die eine Hälfte des einstigen Design-Duos, ist mit Thalmann aufgewachsen. «Ich freue mich sehr, dass sie nun als Kostümbildnerin im Stück ‹Momentum› für uns arbeitet», sagt Thalmann, die für das Theater Matte als Regisseurin und Schauspielerin in Erscheinung tritt. Von 2016-2021 hatte sie auch die Leitung inne. Doch dieses Amt hat sie nun an ihren Kollegen Markus Maria Enggist abgegeben. Enggist war gemeinsam mit der Autorin und Regisseurin Livia Anne Richard Mitgründer des auf Mundart-Stücke spezialisierte Theater Matte, das 2010 seine Tore öffnete. Thalmann war zuerst die Assistentin von Livia Anne Richard, bevor diese ihr die Leitung übergab. Sie sehnte sich nach mehr Freiheit und Abwechslung und beschloss, eine Auszeit zu nehmen. Dann kam Corona. Thalmann zog sich in die Hörnlihütte beim Matterhorn zurück und wollte für einmal nichts mit Theater machen. «Ich arbeitete in Zermatt in einem Hotel und ging viel Ski fahren.» Doch sie merkte rasch, dass ihr das Spielen fehlte. «Ich liebe es, Geschichten zu erzählen und mit mir selbst und anderen in Verbindung zu treten», fasst sie die Liebe zu Schauspiel zusammen. «Es geht im Theater darum, herauszufinden, was uns als Gesellschaft bewegt», ist sie überzeugt. Thalmann ist das Jüngste von vier Kindern. «Alle in meiner Familie machen Musik», erzählt die Tochter einer Cellistin. Sie glaubt, dass sie die Schauspielerei wählte, um sich abzusetzen. Doch bevor sie nach Berlin zog, um Schauspiel zu studieren, absolvierte sie die Wirtschaftsmittelschule Bern. «Es war manchmal ganz praktisch, eine kaufmännische Grundlage zu haben», meint die 36-Jährige dazu.

Das Zögern des Franz Hohler
Thalmann ist schon in die unterschiedlichsten Rollen geschlüpft. «Es geht mir mehr darum, mit wem statt was ich spiele», erklärt sie. Eine Rolle ist ihr gleichwohl stark in Erinnerung geblieben. Im Theater Matte spielte sie 2017 im Stück «Nachruf oder jung sterben hat mich auch nicht besser gemacht» mit Mira eine Frau, deren Freund bei einem Unfall verstorben ist. Am Grab taucht eine andere Frau auf. Eine Nebenbuhlerin? Mira mutiert zunehmend zur paranoiden Stalkerin und entdeckt das Doppelleben des Verstorbenen. Thalmann hatte zu jener Zeit gerade selbst einen Todesfall und eine Trennung zu verkraften. «Die Figur ging mir nach.» Die Berliner Schauspielschule Charlottenburg vertrat allerdings eher einen pragmatischen Ansatz, der es Thalmann erlaubt, zwischen Figur und sich zu trennen. «Du verinnerlichst deinen Text, sprichst ihn und meinst ihn», fasst sie das Credo ihrer einstigen Ausbildung zusammen. Den Job der Schauspielerin sieht sie darin, die jeweilige Figur mit ihren Schwächen zu mögen, «auf ihrer Seite zu sein». Einfach fiel ihr das, als sie im Rahmen der Freilichtspiele Zermatt Lucy Walker, eine Pionierin und Macherin, spielte. «Man hat mich nie als herziges Mädchen besetzt», so Thalmann. «Ich habe eine tiefe Stimme und passe besser für etwas verruchte Figuren.» Als Leiterin des Theater Matte achtete sie bewusst auf Parität, engagierte gleichviel Regisseurinnen wie Regisseure und setzte auf Stücke mit starken Frauenrollen. Sie findet, die Theaterwelt könnte ruhig noch etwas flexibler werden. «Klar soll man Schiller noch spielen, weil es einfach gut geschriebene Stücke sind. Aber müssen immer alle Figuren von weissen Männern dargestellt werden?» Unter ihrer Leitung ist das Theater Matte politischer und abstrakter geworden. «Wir haben uns auch mal ein offenes Ende erlaubt und mit klassischen Erzählstrukturen gebrochen.» Thalmann ist auch für das Schreiben von Mundartfassungen verantwortlich. So kontaktierte sie den Autor Franz Hohler und schlug ihm vor, sein Stück «Lassen sie meine Wörter in Ruhe» aus den Siebzigerjahren auf Berndeutsch zu adaptieren. Hohler, der anfangs skeptisch war, sass bei der Premiere von 2018 sichtlich gerührt im Publikum. Thalmann, deren Eltern Zürcher Dialekt und Französisch sprechen, liebt am Berndeutsch, dass es rund, aber nicht schwerfällig ist. Wo es sie als nächstes hintreibt, ist offen. Gerne würde sie mehr Filmerfahrung sammeln und kann sich gut vorstellen, auch wieder einmal eine auf Hochdeutsch geschriebene Rolle zu spielen. Aber: «Bärndütsch findi äbe scho no geil.»

Helen Lagger

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