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Theater Gurten: «Da chönnt ja jede cho!»

«Was isch e ‹Meinig›?»

Aurelio Rossi (Adamo Guerriero) und Wale Wüthrich (Theo Schmid) im Wortgefecht. Auf ihrem Balkon: die Deutsche Barbara König (Beatrix Castelotte-Iselin). Fotos: Hannes Zaugg-Graf

Es war eine Premiere wie aus dem Bilderbuch: ein lauer Sommerabend, eine grandiose schauspielerische Leistung und ein berührendes, aktuelles Thema. Trotz dessen Ernsthaftigkeit gabs aber auch viel zu Lachen. «Da chönnt ja jede cho» erinnert ein wenig an den legendären Film «Die Schweizermacher». Nur ist das Theaterstück aktuell und zeitgemäss umgesetzt.

Erstmals in der 22-jährigen Geschichte des Theater Gurten hat Regisseurin Livia Anne Richard ein Stück nicht allein, sondern zusammen mit dem Schauspieler Christoph Keller entwickelt. «Es war ein sehr inspirierendes Experiment und wir beide haben uns perfekt ergänzt. Wir kannten uns bereits aus diversen Produktionen, deshalb ergab unsere Kooperation ein gelungenes Zusammenspiel», fasst Livia Anne Richard die künstlerische Arbeit im Duo zusammen. Die Idee zum Stück kam ihr aus Feedbacks von drei Zuschauerinnen, die nach der Aufführung im Jahr 2022 unabhängig voneinander fragten, ob Livia nicht mal den legendären Film «Die Schweizermacher» auf den Gurten bringen wolle. Zuerst habe sie abgewunken, sagt sie mit einem Schmunzeln. Aber das Thema habe sie dann doch nicht mehr losgelassen. Und zusammen mit Christoph Keller seien so erste Szenen-Ideen entstanden, danach habe sich das Stück allmählich mit den Schauspielerinnen und Schauspielern und während der Proben weiterentwickelt.

Standing Ovations
Das Resultat wurde schliesslich an der Premiere mit Standing Ovations belohnt, das Publikum war begeistert. «Die Erstaufführung ist ein sehr guter und enorm wichtiger Gradmesser», erklärt die Regisseurin. «Man spürt auf der Bühne, ob ein Stück gut ankommt. Das motiviert wahnsinnig für die kommenden Aufführungen.» So habe sie extrem viele positive Rückmeldungen erhalten und das Wort ‹sensationell› sei dabei immer wieder gefallen. «Das ist natürlich der schönste Lohn, wenn das Publikum Freude hat», meint Livia und fügt an: «Auf einer Skala von 1 bis 10 war die Premiere eine glatte 10», bilanziert sie, «besser kann eine solche eigentlich gar nicht laufen!» freut sich die erfahrene Theater-Frau.

Schweizer Pass als Bühnenbild
Gelobt wurde insbesondere auch das Bühnenbild von Fredi Stettler, welches die Thematik eindrücklich in Szene setzt. Es stellt einen überdimensionalen Schweizer Pass mit einem begehbaren Kreuz dar. Das Kreuz symbolisiert ein Wohnhaus. In jedem Quadrat befindet sich eine Wohnung, unten links die Cafè-Bar Punto, ehemals «der Egge».

Der universelle Blick auf die Erde
Zunächst ist aber gar nicht mal so klar, wo das Stück nun eigentlich verortet ist – sehr schnell wird dem Publikum aber bewusst, dass es ein Ort sein muss, wo man weder die Schweiz noch die Zeit, weder Probleme noch Grenzen kennt … Nicht einmal der Schweizer Pass scheint einem hier weiterzuhelfen. Dieses Papier, auf das man doch immer so stolz war, soll hier gar nichts Wert sein? Eine Vorstellung, die erschreckend ist, aber doch auch etwas Befreiendes hat. Es gelingt dem Regisseuren-Duo, einem immer wieder Denkanstösse zu geben – auf eine äusserst unterhaltsame Art und Weise. So lacht man zwar über das «Drama» um den zu spät zurückgegebenen Waschküchenschlüssel, ertappt sich aber gleichzeitig dabei, wie man sich darin wiederfindet. Spätestens, wenn die Frage des Engels, was denn eine «Meinung» sei, von Wale Wüthrich (grossartig gespielt von Theo Schmid) mit: «Das isch öppis, wo me weiss, dass es so isch, wies isch, wüu me weiss, dass es so isch, wie me meint. Das isch es.» beantwortet wird, beginnt man sich zu überlegen, ob man seinerseits eventuell auch ab und zu in eingefahrenen «Meinungen» gefangen ist.

«Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen»
Max Frischs bekanntes Zitat bildet die Grundlage des Stücks. Die Integration von Menschen hört nicht mit dem täglichen Erfüllen des Arbeitsvertrages auf. Auch wer nicht hier geboren ist, möchte sich zu Hause und willkommen fühlen. Die emotionale Erklärung von Maria Vitale (sensationell: Corina Frehner) vor der Einwanderungsbehörde, welche hanebüchene Fragen stellt, ist nicht nur grandios gespielt, sondern macht einen richtig betroffen. «Wir haben genau recherchiert», sagt Livia Anne Richard dazu. «Diese Fragen werden effektiv während eines Einbürgerungsverfahrens gestellt und das, was Maria Vitale erzählt, ist unzähligen Kindern von Saisonniers tatsächlich widerfahren.» Bevor man sich aber schwermütig zurücklehnen kann, kommt bereits die nächste heitere Szene. Etwa, wenn die Deutsche auf Anraten ihrer Schweizer Nachbarin einen Willkommens-Apéro macht, und diese dann zu ihrem Mann sagt: «Jitz hani gloub e Seich gmacht. Mir müesse a ds Apéro vo der Dütsche!»

Zu viele Vorurteile
Im Verlaufe des Abends wird einem mal wieder bewusst, wie viele Vorurteile wir eigentlich gegen Menschen anderer Nationen haben. Oft sogar ziemlich unbewusst und ohne konkrete Beweise, viele Vorbehalte kommen schlicht auch vom Hörensagen. Dass man nach dem Theater dennoch beschwingt den Heimweg antritt, ist der für Livia Anne Richard so typischen Regieführung zu verdanken. Sie lässt niemals vorwurfsvoll die Moralkeule schwingen, sondern bringt einen zum Lachen und sät dabei einen Samen, der in einem keimt und zum Nachdenken anregt. Und das ist ihr, Christoph Keller und dem ganzen Ensemble voll und ganz gelungen. Und während mich das Bähnli vom Güsche mit seiner weiten Fernsicht ins nächtlich-überschaubare Bern runterbringt, beschleicht mich der Gedanke, ob ich mir nicht manchmal zu viele unnötige Grenzen setze und vielleicht ab und an die Gelegenheit verpasse, etwas Neues und unbekannt Gutes kennenzulernen.

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