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Georges «Schöre» Müller in seiner Wohnung in Biel. Foto: Reinhold Hönle
70 Jahre und ein bisschen Weise

«Wir wollten unsere Hippieträume leben»

Bärner-Rock-Urgestein Schöre Müller feiert seinen 70. Geburtstag. Der Span-Gitarrist und Sänger machte sich mit seiner Sehnsuchts-Ballade «Louenesee» unsterblich.

Sie haben Ihren 70. Geburtstag mit einem grossen Konzert vorgefeiert. Wie kam es dazu?
Bei der Formation MGM sind wir drei Freunde mit drei Gitarren, drei Stimmen, bepackt mit Geschichten aus unserem Leben. Als Phipu Gerber seinen 50. Geburtstag mit einem Konzert begehen wollte, entstand die Idee, dass Didi Meier und ich, die in diesem Jahr ebenfalls einen runden Geburtstag haben, unseren 60. bzw. 70. mit ihm zusammen feiern. Daraus wurde der öffentlich MGM Birthday Bash im Solothurner Kofmehl, «e tolli Fuer» mit vielen befreundeten Musikern.

Was bedeuten Ihnen die verschiedenen Formationen, in denen Sie aktiv sind?
Mich interessiert alles, was mit Musik zu tun hat, egal welcher Stilart, so lange es mich berührt. Für mich wäre es langweilig, immer das Gleiche zu machen. Bei Schörgeli, wo es um die Verschmelzung von unterschiedlichen Musikstilen geht, wie z. B. Rock meets Schwyzerörgeli und MGM, ist die freundschaftliche Basis besonders stark. Span ist eine etwas komplexere Angelegenheit …

Wie meinen Sie das?
Wir sind nun bald 50 Jahre gemeinsam unterwegs. Auf einem so langen Weg kommt es natürlich immer wieder zu Spannungen, weil man sich über die Richtung uneinig ist oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Deswegen müssen wir uns für jedes Projekt erst wieder zusammenraufen, was auch nicht anders sein wird, wenn wir Pläne fürs 50-Jahre-Span-Jubiläum 2025 schmieden.

Sie haben Span schon vor zehn Jahren als Relikt aus einer anderen Zeit bezeichnet. Fühlen Sie sich Rock’n’Roll-Dinosaurier?
Klar, ich bin jetzt 70, aber ich lebe noch und bin gesund, froh und demütig, dass ich Musik machen kann. Solange es die Gesundheit zulässt, die Freude vorhanden ist und die Leistung stimmt, gibt es auch keinen Grund, es nicht zu tun.

Weshalb gab es seit «Rock’n’Roll Härz» (2013) kein neues Span-­Album mehr?
Der Markt und die Situation haben sich stark verändert. Wir sahen keinen Sinn darin, für viel Geld etwas aufzunehmen, das keiner mehr kauft und im Radio nicht mehr gespielt wird, weil uns die Verantwortlichen für zu alt halten. Glücklicherweise sind wir jedoch als Liveact immer noch gefragt und haben vierzehn Alben mit jeder Menge Songs, aus denen wir unsere Programme zusammenstellen können. Und zum Jubiläum ist eine neue Veröffentlichung geplant.

Die Liebe hat Sie nach Biel geführt. Wie sind Sie noch mit Ihrer Heimatstadt Bern verbunden?
Sehr stark! Ich bin ein Ur-Stadtberner, im Wyler Quartier aufgewachsen, das zusammen mit Breitenrain, Lorraine und Wankdorf das Umfeld bildete. Heute fahre ich vor allem hin, um zum Coiffeur zu gehen.

Welche Rolle spielte die Stadt in den Span-Texten?
Wir sind Berner und gehören zu den Miterfindern des Mundartrocks. Deshalb haben wir 1974 auch die Single «Bärner Rock» gemacht. Mit ihr grenzten wir uns gegenüber den wahnsinnig erfolgreichen Rumpelstilz ab, die als Rockband aus Bern bezeichnet wurde, obwohl sie eigentlich Oberländer und keine typische Rockband waren. Wir erwähnen die Stadt sonst nur selten explizit, transportieren aber mit unseren Liedern und dem Charme des Dialekts das Berner Lebensgefühl.

Weshalb wurden Sie trotzdem stadtflüchtig und zogen 1972 in die Hämlismatt im Emmental?
Wir hörten von der Legende, dass die Allman Brothers mit ihren Familien in einer Kommune in einem kleinen amerikanischen Dorf lebten, wie es auf dem Cover von «Brothers and Sisters» ersichtlich ist. Wir wollten auch so etwas Ähnliches, um unsere Hippieträume zu leben und uns vom Establishment zu distanzieren.

War es Ihrem Vater, der Direktor der Brauerei Warteck war, ein Dorn im Auge, das Sie keinen bürgerlichen Beruf ergriffen?
Natürlich hoffte er, dass ich in seine Fussstapfen treten würde. Ich sagte ihm jedoch offen, dass es für mich nicht erstrebenswert ist, in einer solchen Funktion ein Leben lang der Sohn des grossen Charles Müller zu bleiben. Ich wusste schon, seitdem ich 14 Jahre alt war, dass ich Musiker werden wollte.

Und das hat er einfach akzeptiert?
Nein, er wollte mir zuerst verbieten, mit meinen Grünspan-Kameraden in die Hämlismatt zu ziehen, sah dann aber ein, dass es nichts nutzen würde. Ich war zwar erst 19, aber ich hatte einen ebenso sturen Grind wie er. Er liess mich gewähren, unter der Bedingung, dass ich nie nach Hause käme, um zu betteln. Danach herrschte sechs Monate Funkstille. Später hat er mich sogar in unserer Kommune besucht und uns die 4000 Franken vorgeschossen, die wir brauchten, um «Bärner Rock» zu produzieren. Ich erinnere mich gerne an ein Konzert auf dem Waisenhausplatz, bei dem meine Eltern in der ersten Reihe standen und auf ihren Sohn wahnsinnig stolz waren.

Welchen Platz hat das Warteck damals in der Hitliste der Hämlismatt-Rauschmittel belegt?
Wir haben natürlich mit allen Substanzen und Stimulanzen experimentiert, aber das taten auch alle um uns herum. Bier war einfach das Billigste.

Und was war das Gefährlichste?
Das Gefährlichste war das Leben an sich, mit all seinen Verlockungen und Einbahnstrassen. In manchen Phasen war ich fünf Millimeter von meinem Tod entfernt. Heute konsumiere ich seit zwanzig Jahren keine Drogen und keinen Alkohol mehr.

Wie konnte Polo Hofer seine Rivalen Span in sein Schmetterding verwandeln?
Rumpelstilz hatten sich 1978 getrennt und Polo suchte eine Band, die schöne Harmonien singt, rockig spielt und bodenständig ist. Er wusste natürlich, dass wir das können, und fragte uns. Das wollten nicht alle in der Band gleichermassen, ich aber schon, denn ich wollte einfach möglichst oft mit geilen Musikern in vollen Häusern spielen und Platten aufnehmen. Ausserdem erweiterten die höheren Gagen unsere Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. So haben unsere vier Schmetterding-Jahre das verschworene Span-Gefüge aufgebrochen.

Sie liessen sich von ihm aber nicht dauerhaft vereinnahmen.
Nein, wir hatten ihn von Anfang an richtig eingeschätzt und wussten, dass er ein cleverer Bursche war, der sich gesagt hatte, «If you can’t beat them, hire them!» (Wenn du die Konkurrenz nicht schlagen kannst, engagiere sie). So sagten wir ihm nach vier grossartigen Schmetterding Jahren, dass wir nun wieder unser Span-Ding machen wollen. So trennten wir uns von ihm – und nicht umgekehrt. Das gefiel ihm zwar nicht, doch er begegnete uns danach immer mit viel Respekt.

Sie sind mit einer Frau verheiratet, die aus der Romandie stammt und deren Vornamen gleich beginnt wie Ihr grösster Hit. Wie passt etwas so Bürgerliches wie eine Ehe zu Ihnen?
(Lacht) Lou und «Louenesee», das ist mir noch gar nie aufgefallen … Was unsere Ehe betrifft: Als Alt-Hippies wollten wir tatsächlich nicht zivilrechtlich heiraten, sondern nur mit dem Segen von oben, und wählten dafür das magische Datum 5.5.2005. Der Pfarrer traute uns auf der Veranda des Bieler Restaurant «Paradisli», in dem der berühmte Clown Grock aufwuchs. Das Eheversprechen hat ausschliesslich mit den Menschen zu tun, die sich lieben, und nichts mit dem Staat. Wir waren auch schon über Fünfzig und wollten nicht nochmal eine Familie gründen. Lou hatte schon zwei Kinder und ich einen Sohn aus einer früheren Beziehung, zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis habe.

Hat er Ihre musikalische Ader geerbt?
Ja, Levin hat schon mit Lo & Leduc gearbeitet, mit Stereo Luchs sowie mehrere Alben von Manillio produziert und war mit ihnen auf Tournee – er spielt auf grösseren Bühnen als ich! (Lacht)

Als «Louenesee» vor vierzig Jahren veröffentlicht wurde, nahm davon zunächst kaum jemand Notiz. Haben Sie beim Schreiben gespürt, dass es sich um einen grossen Wurf handelte?
Nein, ich habe den Song gemacht und noch gezweifelt, ob wir überhaupt ein Demo davon aufnehmen sollten. Ich sagte damals zum Bassisten und Span-Mitbegründer Stöffu Kohli, «Komm jetzt, eine Ballade, wir sind doch eine Rockband», aber er antwortete, «Doch, bring das Zeug». Wir haben das Lied aber nie als Single herausbracht. Die ganze Geschichte hat eine Eigendynamik entwickelt und sich selbständig im Schweizer Volksliedgut etabliert. Dazu beigetragen hat sicher auch, dass es damals viele jüngere Lehrer gab, die «Louenesee» auf der Suche nach zeitgemässem Liedgut in ihren Unterricht einbauten. Heute gibt es bei den Konzerten aber auch Achtzigjährige, die mitsingen. Der Song war ein Geschenk des Himmels, für das ich dankbar bin. Aber ich bilde mir absolut nichts darauf ein. Ich habe einfach grosse Freude daran.

PERSÖNLICH

Georges «Schöre» Müller wurde am 21. Februar 1954 in Bern geboren und wuchs dort auf. Er hat einen Sohn und lebt mit seiner Partnerin in Biel. Von der Urformation von Span, die 1975 aus Grünspan hervorging, sind Bassist Stöffu Kohli und Gitarrist Schöre Müller, die beiden Sänger, noch heute in der Band. Mit «Bärner Rock» verewigten sie sich 1974 als Mundartrock-Pioniere. Zu ihren bekanntesten Liedern zählen ausserdem «Liebefeld», «Rosegarte» und «Louenesee», das über die Jahre zu einer der meistgewünschten Schweizer Mundart-Balladen avancierte.

LIVE

14.3. Liebefeld Landhaus (mit Span)
15.3. Rubigen Mühle Hunziken (als Gast von George)
20.3. Bern Zunftkeller (mit Schörgeli)
31.5. Münchenbuchsee Bäre (mit Span)

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