Belpmoos-Chef Urs Ryf: «Flugscham ist kein Thema mehr»

Yves Schott
Yves Schott

Gantrisch und Gürbetal,

Ab Bern geht es neu direkt nach Mykonos und Malta. Flughafen-Chef Urs Ryf spricht mit dem BärnerBär über volle Flugzeuge und veränderte Reisegewohnheiten.

Flughafen-Chef Urs Ryf ist mit dem Saisonstart sehr zufrieden.
Flughafen-Chef Urs Ryf ist mit dem Saisonstart sehr zufrieden. - Daniel Zaugg

Neu kann man ab Bern nach Mykonos und Malta fliegen. Flughafen-Chef Urs Ryf über volle Flugzeuge, die Bedeutung von Chair – und wie der Klimawandel das Reiseverhalten der Passagiere beeinflusst.

BärnerBär: Urs Ryf, wie ist der Flughafen Belp in die neue Saison gestartet?

Urs Ryf: Sehr gut, wirklich. Am Ostersamstag nahmen die Charterflüge ihren Betrieb auf. Seit diesem Jahr werden 16 Destinationen angeflogen und die Flugzeuge sind sehr gut ausgelastet.

BärnerBär: Möchten Sie die Anzahl Destinationen künftig weiter ausbauen?

Ryf: Das wäre wünschenswert. Zur Erklärung: Wir als Flughafen sind die Infrastrukturbetreiberin und haben nur wenig Einfluss auf das Streckennetz, das obliegt dem Reiseveranstalter oder einer Airline selbst. Wir stehen aber selbstverständlich in engem Austausch und analysieren gemeinsam den Markt.

Pro Jahr ein bis zwei zusätzliche Ziele ins Angebot aufzunehmen ist eine Option – die andere, die Verbindungen zu verdichten, sprich: Bestimmte Ziele häufiger anzusteuern. Das Wachstum soll nachhaltig sein.

Ryf
Belpmoos-Chef Urs Ryf wünscht sich mehr Passagiere. - Daniel Zaugg

BärnerBär: Welches sind die Evergreens bei den Buchungen?

Ryf: Palma und Kreta sind enorm beliebt. Und auch Calvi, Korsika, wird von den Gästen äusserst geschätzt. Die Flüge sind regelmässig ausgebucht.

BärnerBär: Die neuen Namen heissen Mykonos und Malta. Wie kams dazu?

Ryf: Malta war quasi ein Zufall: Rolf Meier Reisen, der Anbieter für die Kanalinseln Jersey und Guernsey, suchte eine neue Airline, da jene des letzten Jahres (Blue Island, d. Red.) Insolvenz anmeldete.

Zur Wahl stand unter anderem eine maltesische Fluggesellschaft, die dann den Zuschlag erhielt. Anstatt die Maschine nun jedes Mal leer von Malta nach Bern fliegen zu lassen, um anschliessend die Kanalinseln zu bedienen, wurde Malta ins Programm aufgenommen.

BärnerBär: Ein Ganzjahresbetrieb auf dem Belpmoos wie einst ist nach wie vor kein Thema.

Ryf: Nein, diese Pläne liegen in der Schublade. Eine gewisse Nachfrage wäre da, doch im Winter sind die Wetterbedingungen hier teilweise schwierig.

BärnerBär: Bringt der neue satellitengestützte Südanflug keine Erleichterungen mit sich?

Ryf: Sicher. Er macht unseren Hub robuster, da nicht mehr nach Sicht angeflogen wird.

BärnerBär: Belp wird neu von Chair mit einem Airbus A320 bedient. Wie wichtig ist das für Sie? Chair flog Bern schon bis 2019 an, allerdings mit einer kleineren Maschine.

Ryf: Wir waren enorm glücklich, als wir hörten, dass Belpmoos Reisen die Andalusien-Verbindung bei Chair eingekauft hat. Ein A320 ist für Belp eigentlich zu gross – er kann hier zwar operieren, aufgrund der Pistenlänge dürfen aber bloss 120 der 180 verfügbaren Plätze besetzt werden.

Dennoch sehe ich das als grosse Chance. Chair wird mit dem A320er jetzt Erfahrungen sammeln. Wer weiss, ob daraus mehr entsteht.

Flughafen Bern
Ab Bern kann man jetzt nach Mykonos und Malta fliegen. - Daniel Zaugg

BärnerBär: Trotzdem: Wenn ein Drittel des Flugzeugs leer bleiben, muss es gut ausgelastet sein, damit es sich rechnet.

Ryf: Bei Chartern wird anders kalkuliert: Man vermarktet das gesamte Reisepaket und nicht bloss den einzelnen Sitzplatz. Würde eine Airline hingegen im eigenen Risiko fliegen, würde das tatsächlich kaum Sinn machen.

BärnerBär: Neu ist ausserdem eine Direktverbindung nach München. Die Maschine, betrieben von Vini, bietet neun Plätze. Tönt nach VIP.

Ryf: Vini ist keine Airline, sondern eine Mobilitätsplattform. Vini hat eine Software entwickelt, die auf Künstliche Intelligenz zurückgreift und beobachtet, an welchen Tagen für welche Destinationen eine Nachfrage besteht. Diese wird gebündelt, daraus entsteht ein dynamisches Angebot.

So sieht es das mittelfristige Geschäftsmodell vor. Um die Prozesse zu testen, wurde entschieden, Bern – München als Ergänzung anzubieten. Wir fanden die Überlegung interessant, weil sie zeigen wird, wie hoch die Nachfrage in die bayerische Hauptstadt effektiv ist.

Wenn sie sich bestätigt, kann man künftig vielleicht wieder eine reguläre Anbindung nach München schaffen, wie sie ja bereits in der Vergangenheit existierte.

BärnerBär: Letztes Jahr beförderte Travelcoup Passagiere von Bern nach Ibiza. Das ist bereits wieder Geschichte.

Ryf: Ich kenne die genauen Zahlen von Travelcoup nicht. Es ist davon auszugehen, dass das Unternehmen ein Defizit eingefahren hat, obschon ich die Idee nach wie vor lässig finde.

BärnerBär: Seit vier Jahren ist Ihr Geschäftsergebnis ausgeglichen, im 2025 haben Sie einen Gewinn von etwas über 100'000 Franken erwirtschaftet. Das ist nach zahlreichen turbulenten Jahren eine überaus solide Bilanz.

Ryf: Wir sind zufrieden. Ergänzend möchte ich bei diesen Zahlen erwähnen, dass wir keine öffentlichen Mittel erhalten. In der Vergangenheit flossen für bestimmte Leistungen Subventionen.

Heute ist der Flughafen Bern in der Lage, die Infrastruktur mit diesem Geschäftsmodell kostendeckend, gar leicht profitabel zu betreiben. Darauf sind wir stolz. Ein Punkt ist in diesem Zusammenhang wichtig.

Ryf
Urs Ryf: «Seit diesem Jahr werden 16 Destinationen angeflogen und die Flugzeuge sind sehr gut ausgelastet.» - Daniel Zaugg

BärnerBär: Bitte.

Ryf: Jeder Flughafen generiert rund die Hälfte seiner Erträge aus dem Non-Aviation-Bereich. Nur so ist es möglich, eine solche Infrastruktur zu finanzieren. Das ist für uns eine riesige Herausforderung: Wie erwirtschaften wir mit 60‘000 Passagieren Zusatzerträge aus Mietflächen?

Denn bei diesen Zahlen eröffnet keiner eine Kleiderboutique. Der neue Solarpark könnte künftig eine solche zusätzliche Einnahmequelle sein.

BärnerBär: Aufgrund der Klimaerwärmung ändert sich das Reiseverhalten der Menschen. Wird Andalusien auch deshalb nur noch im Frühling und Herbst angeflogen, weil es im Sommer dort zu heiss ist?

Ryf: Ich gehe davon aus, dass die Flüge nach Andalusien im Juli und August ausgesetzt werden, weil zunehmend eine Verlagerung der Hauptsaison in das Frühjahr und den Herbst zu beobachten und die Nachfrage im Sommer entsprechend tiefer ist.

Bist du schon einmal vom Flughafen Bern-Belp geflogen?

BärnerBär: Nach wie vor werden kühlere Länder wie Norwegen oder Finnland indes nicht angeflogen.

Ryf: Nein, ich würde das jedoch begrüssen. Erst kürzlich erhielt ich diesbezüglich eine Anfrage von Passagieren. Finnland wäre zudem gar eine Winterdestination inklusive Polarlichtern.

INFO

Diese Ziele werden ab Bern neu angeflogen:

• Cagliari (Sardinien)

• Calvi (Korsika)

• Djerba (Tunesien)

• Elba (Italien)

• Heraklion (Kreta)

• Jerez (Südspanien)

• Jersey – Guernsey (Kanalinseln)

• Kos (Griechenland)

• Larnaka (Zypern)

• Malta

• Monastir (Tunesien)

• München

• Mykonos (Griechenland)

• Olbia (Sardinien)

• Palma (Mallorca)

• Rhodos (Griechenland)

Interessiert zeigen sich viele; wenn es darum geht, das kommerzielle Risiko dann tatsächlich auf sich zunehmen, zeigen sich die meisten Veranstalter aber zurückhaltend.

BärnerBär: Im BärnerBär-Interview vom letzten Jahr meinten Sie, es sollte möglich sein, jährlich wieder 100'000 Passagiere zu erreichen. Haben Sie sich für dieses Jahr ein Ziel gesetzt?

Ryf: Aufgrund des gestiegenen Angebots gehen wir davon aus, 2026 einige tausend Passagiere mehr zählen zu dürfen. Mittelfristig wäre eine sechsstellige Zahl schön, derzeit liegen wir bei zirka 60'000.

BärnerBär: Nach Corona boomte der Flugverkehr, was nachvollziehbar war. Heute lässt sich sagen: Die Reiselust ist ungebrochen.

Ryf: Absolut. Die Nachfrage nach Flugreisen ist sehr hoch. Zürich meldet ein Allzeithoch, Flugscham ist kein Thema mehr. Das ist übrigens einer der grossen Vorteile der Aviatik: Flugzeuge heben in der Regel voll ab. Was sowohl ökonomisch wie ökologisch sinnvoll ist.

Flughafen Bern
Ryf: «Heute ist der Flughafen Bern in der Lage, die Infrastruktur mit diesem Geschäftsmodell kostendeckend, gar leicht profitabel zu betreiben.» - Daniel Zaugg

BärnerBär: Ab wann gilt eine Maschine als voll?

Ryf: Ab 90 Prozent Belegung.

BärnerBär: Sie erwähnten die Klimascham – diese muss niemand haben, der oder die ab Bern startet?

Ryf: Definitiv nicht, nein (lächelt).

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