Velofahrer ignorieren Regeln – Brauchts jetzt Führerschein?

Sina Barnert
Sina Barnert

Bern,

Vor allem in Städten halten sich viele Velofahrer nicht an die Verkehrsregeln – das kann gefährlich werden. Braucht es zukünftig einen Veloführerschein?

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Bei Rot über die Ampel: Velofahrerinnen und Velofahrer in der Stadt Zürich. - Nau.ch / Nico Leuthold

Das Wichtigste in Kürze

  • In den letzten zehn Jahren verunfallten 32'600 Menschen mit dem Velo.
  • 7900 verletzten sich dabei schwer, 233 starben.
  • Trotzdem halten sich viele Velofahrer nicht an die Verkehrsregeln.
  • Braucht es jetzt den Veloführerschein?

Wer mit dem Auto oder zu Fuss in Schweizer Städten unterwegs ist, kennt sie nur zu gut: Velofahrerinnen und -Fahrer, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten.

Sie fahren mitten auf der Strasse nebeneinander und halten sich nicht an die Vortrittsregeln. Wenn eine Ampel vor einer Kreuzung Rot anzeigt, fahren sie trotzdem – oder weichen auf das Trottoir aus.

Das führt immer wieder zu gefährlichen Situationen – oft für die Velofahrer selbst.

Ein Drittel der Kollisionen geht auf Velofahrer als Verursacher zurück

In den letzten zehn Jahren kam es laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU zu 32'600 Velounfällen mit Verletzungen.

7900 Velofahrende verletzten sich dabei schwer. Und 233 dieser Unfälle gingen sogar tödlich aus.

Velounfall
Zu 7900 schweren Velounfällen kam es in den letzten zehn Jahren. 233 endeten tödlich. - Nau.ch / Nico Leuthold

In der Hälfte der schweren Unfälle sind keine anderen Verkehrsteilnehmenden verwickelt. Heisst beispielsweise: Eine Velofahrerin oder ein Velofahrer stürzt mit überhöhter Geschwindigkeit auf regennasser Strasse. Oder ist durch den Gebrauch eines Smartphones abgelenkt und stürzt deshalb.

Brisant ist jedoch die Statistik zu den Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmenden. Diese zeigt: In rund einem Drittel dieser Kollisionen sind die Velofahrer selbst Hauptverursacher des Unfalls. In zwei Dritteln liegt die Schuld beim anderen Verkehrsteilnehmenden.

«Die bewusste Missachtung von Verkehrsregeln führt nicht zwingend zu Unfällen»

Unfälle also, die sich vermeiden liessen, wenn sich alle im Verkehr an die Verkehrsregeln halten würden.

Braucht es von den Velofahrern mehr Sensibilität, was die Verkehrsregeln angeht? Nau.ch hat bei «Pro Velo Schweiz», dem nationalen Dachverband für die Interessen der Velofahrer, angefragt.

Hältst du dich immer an die Verkehrsregeln?

Delphine Klopfenstein Broggini, Präsidentin von «Pro Velo Schweiz», hat gegenüber Nau.ch eine gewagte These: «Die bewusste Missachtung von Verkehrsregeln führt nicht zwingend zu Unfällen.»

Sie glaubt: Vielmehr könne man davon ausgehen, dass Velofahrer, die die Regeln missachten würden, eher vorsichtig seien. Gebe es dann einen Unfall, liege die Schuld dann auch bei den Velofahrern selbst.

Infrastrukturprobleme können nicht auf Velofahrer abgewälzt werden

«Allerdings zeigen deutsche Studien, dass die Polizei bei jedem dritten Alleinunfall von einem Infrastrukturmangel als Hauptursache ausgeht», so Klopfenstein Broggini. «Im Unfallprotokoll wird der Mangel dennoch dem Velofahrer zugewiesen.»

Die Präsidentin von «Pro Velo Schweiz» verortet die Gründe für schwere Velounfälle andernorts. «Die Schwere von Unfällen hat einerseits mit der Verletzlichkeit von Velofahrenden zu tun.» Autofahrerinnen und Autofahrer seien im Fahrzeug schlicht und einfach deutlich besser geschützt.

«Andererseits muss die Infrastruktur als Unfallursache besser berücksichtigt werden.» Dazu erklärt Klopfenstein Broggini: «Wo systemische Probleme vorliegen, kann der Fehler nicht einfach bei den Velofahrenden gesucht werden.»

Das sieht auch Mobilitätsexperte Thomas Hug-Di Lena so. Auch er verortet Velounfälle beim Schutz der Velofahrer, denn sie haben «keine Karosserie, die sie schützt».

Rücksichtslose Velofahrer machen anderen das Leben schwer

Es liege auch daran, dass mehr Velofahrer unterwegs seien. Deshalb steige die absolute Unfallzahl automatisch an.

Entscheidend sei, wie ein Land mit diesem Wachstum umgehe, erklärt Hug-Di Lena: «In den Niederlanden und Dänemark ist es gelungen, die Zahl der Toten und Verletzten trotz hohem Veloanteil zu senken.»

Velounfall
Velounfälle kommen in der Schweiz auch deshalb mehr vor, weil es mehr Velofahrerinnen und Velofahrer gibt. - Nau.ch / Nico Leuthold

Gelungen sei dies, weil die Infrastruktur konsequent verbessert worden sei. «Die Schweiz hinkt hier hinterher – Velowege haben über Jahrzehnte nicht mit dem Wachstum des Veloverkehrs mitgehalten.»

Derweil erklärt der TCS gegenüber Nau.ch: «Velofahrer, die sich nicht an Verkehrsregeln halten, erschweren den Alltag von allen Verkehrsteilnehmenden, neben Autofahrern auch jenen von Fussgängern.»

Denn: «Gegenseitige Rücksichtnahme ist im Verkehr essenziell.»

«Der Regelbruch entsteht aus einer Infrastruktur, die auf Autos statt Velos ausgelegt ist»

Doch was würde konkret helfen? Bräuchte es einen Führerschein für das Velofahren?

«Nein, das wäre kontraproduktiv», meint Mobilitätsexperte Hug-Di Lena. Denn die meisten erwachsenen Velofahrer würden bereits einen Autoführerschein besitzen.

Braucht es einen Führerschein fürs Velo?

«Der Regelbruch entsteht eher aus einer Infrastruktur, die auf Autos statt Velos ausgelegt ist – etwa bei Ampelschaltungen.» Je kürzer die Wartezeit an einer Ampel sei, desto seltener gebe es Rotlichtverstösse.

Ein Führerschein garantiert keine Regeltreue

«Zweitens hat Velofahren grosse gesundheitliche Vorteile, die eine Zugangshürde schmälern würde», so der Mobilitätsexperte.

Vergleichbare Eingriffe zeigten diesen Effekt bereits: «Helmpflichten in Neuseeland und Australien haben die Velonutzung nachweislich unattraktiver gemacht. Ein Führerschein würde ähnlich wirken.»

Velofahren
Ein Führerschein für das Velo wäre kontraproduktiv, meint Der Mobilitätsexperte. - keystone

Drittens garantiere ein Führerschein keine Regeltreue. Das sehe man beispielsweise bei Studien zur Handynutzung am Steuer.

Es braucht eine Verkehrstrennung nach Veloweggesetz

Das sieht die «Pro Velo Schweiz»-Präsidentin Delphine Klopfenstein Broggini differenzierter.

«Wichtig ist eine Veloausbildung an den Schulen, wie sie in vielen Kantonen und Städten angeboten wird.» Dazu müsse auch eine praktische Ausbildung und Prüfung gehören.

Doch nebst «verbesserten Kompetenzen aller Verkehrsteilnehmenden» brauche es bessere Infrastruktur. «Hierzu gehört namentlich auch eine Verkehrstrennung, wie sie das Veloweggesetz vorsieht.»

Verkehrstrennung
Es braucht mehr Verkehrstrennung wie hier im Bild in Bern. Das fordert «Pro Velo Schweiz». - keystone

Klopfenstein Broggini geht sogar noch weiter: «Wir fordern eine stärkere Ahndung der Handynutzung und anderer ablenkender Tätigkeiten im Auto. Und die konsequente Senkung der Höchstgeschwindigkeiten in Siedlungen und dort, wo Velos und Autos gemischt geführt werden.»

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