Daniel Koch: «So geht es mir heute – ich vermisse meine Hunde!»

Bern,
Ein Zeckenbiss hat bei Daniel Koch (71) zu einer gefährlichen Hirnhautentzündung geführt. Wie es dem «Mister Corona» heute geht, schreibt er in seiner Kolumne.

Das Wichtigste in Kürze
- Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 BAG-Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten.
- Eine Zecke hat Koch gebissen, was zu einer gefährlichen Hirnhautentzündung geführt hat.
- In seiner Kolumne gibt Koch nach Wochen im Inselspital ein Gesundheitsupdate.
- Und er schreibt über Selbstbestimmung bei Heimbewohnern und Patienten.
Vor viereinhalb Jahren hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in der ersten Corona-Pandemie-Welle eine Empfehlung an die Kantone und Betreiber von Heim- und Altersheimbetreiber herausgegeben. Sie entstand unter dem Einfluss der damals dramatischen Lage in Norditalien und dem Tessin.
Mit dieser Empfehlung haben wir unter meiner Verantwortung die Betreiber aufgefordert, alles zu unternehmen, um die Ausbreitung des Virus in den Institutionen zu verhindern.
«Das war ein Fehler»
Das war ein Fehler, den ich noch heute bedauere. Es führte dazu, dass viele Heimbewohner vollständig isoliert wurden und vereinsamten. Oder sogar verstarben, ohne dass sie ihre Liebsten nochmals in die Arme schliessen konnten.
Wir hätten in der Empfehlung darauf hinweisen sollen, dass auch Bewohner von Institutionen das Recht haben, selber zu entscheiden, ob sie sich isolieren wollen oder nicht.

Es braucht Anstrengungen und Verbesserungen
Nun, nach mehr als vier Jahren, empfiehlt das BAG Alters- und Pflegeheimen, Bewohnerräte zu gründen, um in Zukunft Bewohnerinnen und Bewohner vor solchen Isolationen zu schützen.
Natürlich finde ich diese Empfehlung äusserst nützlich. Und ich hoffe, dass dieses Anliegen auch in die Tat umgesetzt wird.
Denn: Wir werden in den nächsten Jahren enorme Anstrengungen und Verbesserungen brauchen, damit wir den rasant steigenden Gesundheitsbedürfnissen unserer alternden Schweizerbevölkerung gerecht werden können.

«Ich bin enorm dankbar»
Wegen einer FSM-Infektion («Frühsommer Encephalomeningitis»), ausgelöst durch ein Virus, welches durch einen Zeckenbiss in den Körper gelangte, bin ich jetzt schon mehr als vier Wochen im Spital.
Ich bin sehr dankbar für all die Betreuung und Fürsorge, welche ich erhielt. Jetzt zum Abschluss auch auf einer Rehabilitationsabteilung.
Ich bin enorm beeindruckt von all dem Engagement und Einsatz, den das Spitalpersonal leistet. In einem Bereich, in dem sehr viele Patienten einen riesigen Pflege- und Betreuungsaufwand erfordern.
Bürokratie ist ein Problem
Die meisten Patienten werden mit einem Schlaganfall und einer Hirnblutung eingeliefert. Die Rückführung dieser Patienten in ein normales Alltagsleben erfordert Zeit und sehr viele Therapiestunden mit mehreren Spezialistinnen und Spezialisten.
Es müssen Lähmungen, Sprachstörungen, Gleichgewichtsstörungen oder Orientierungslosigkeit therapiert werden. Alles Erscheinungen, welche sich erst nach Wochen und Monaten langsam erholen.
Ich finde bemerkenswert, dass wir immer noch Spezialistinnen und Spezialisten, Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte in den Spitälern haben, welche sich mit Herzblut diesen Patienten widmen.
Aber: Auch hier raubt die Bürokratie allen mehr und mehr Zeit. Zeit, die dringend für die Kranken gebraucht würde.
Mehr Patienten mit Hirnschlägen
Angesichts der rasant steigenden Alterung der Schweizer Bevölkerung müssen die Probleme in der Spitalpflege dringend angegangen werden. Denn die Anzahl der Patienten mit Hirnschlägen und ähnlichen Leiden werden mit Sicherheit in den nächsten Jahren ansteigen.
Viele Abläufe und Entscheidungen in den Spitälern stammen noch aus der Zeit, als die Patienten kaum gefragt wurden, was sie als ihre Bedürfnisse wahrnehmen.
Vieles hat sich sicher verbessert. Aber leider wird die Fähigkeit, selbst zu bestimmen, nicht immer berücksichtigt. Und das führt bei Patienten zu Unverständnis, Frust und Ablehnung. Alles Dinge, welche dem Heilungsprozess nicht förderlich sind.
Frust beim Raucher im Spital
Hier ein kleines Bespiel, welches als Denkanregung gedacht ist: Einem Patienten, der ein langjähriger Raucher ist, wird erlaubt, vor dem Spital in einer Raucherecke Zigaretten zu rauchen.
Dazu muss er aus Sicherheitsgründen in seinem Rollstuhl von einer Person des Pflegepersonals begleitet werden. Dies funktioniert täglich drei bis vier Mal ohne Probleme.
Auf einem dieser Gänge zum Rauchen begleitet ich ihn und seine Pflegebegleitung. Nach der ersten Zigarette wünscht er noch eine zweite. Das ist nicht möglich. Die Abteilung habe gesagt, er dürfe nur eine Zigarette rauchen, heisst es. Und schon geht es zurück aufs Zimmer. Natürlich ist der Mann verärgert, wenn auch nicht für lange. Denn er ist ein sehr fröhlicher Patient.
Ich habe mich gefragt, wieso er nicht selber entscheiden darf, wie viele Zigaretten er rauchen will. Es ist auch nicht so, dass die Begleitung für die zweite Zigarette keine Zeit gehabt hätte. Es ist ganz einfach ein Befehl.
Einschränkungen der Selbstbestimmung
Solche Einschränkungen der Selbstbestimmung gibt es auch in vielen anderen Bereichen. Sie basieren meistens nicht auf individuellen Einschätzungen einer genügenden Urteilsfähigkeit, sondern auf geschriebenen oder ungeschriebenen Vorschriften.
Diese reihen sich leider auch ein in eine Anzahl von Vorgaben, welche die Kompetenzen von Pflegenden stark einschränken. Und eine Vielzahl von bürokratischen, schriftlichen Reporten nach sich ziehen, die am Schluss nur dem Abrechnungswesen – und kaum der Verbesserung der Betreuung dienen.

Patientenverfügung frühzeitig verfassen
Ich möchte diese Kolumne in keiner Art und Weise als Kritik verstanden wissen. Ganz im Gegenteil. Ich bin dem Spital enorm dankbar für alles, was sie zu meiner Genesung beitragen.
Ich möchte jedoch einen Anstoss zum Nachdenken geben. Denn niemand weiss, ob er nicht schon morgen auf eine längere Spitalhilfe angewiesen ist.
Und allen älteren Personen rate ich, rechtzeitig mit ihren Familien eine Patientenverfügung zu verfassen, denn es ist auch für das Spital einfacher, wenn es klare Vorgaben erhält.
Hunde werden sich freuen
Für mich geht es nach einigen Wochen Spitalaufenthalt im Berner Inselspital für ein paar Tage nach Riggisberg in die nächsteTherapie. Ich muss mir in der Physiotherapie Muskeln antrainieren. Wie lange ich dort genau bleiben muss, weiss ich selbst noch nicht. Es braucht Geduld.

Fakt ist: Ich habe nach der Hirnhautentzündung Glück gehabt und laut Prognose der Ärzte sollte alles wieder gut kommen.
Vermissen tue ich meine beiden Hunde. Die werden zurzeit extern betreut und sind oft alleine.

Zum Autor
Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Er ist der Öffentlichkeit als «Mister Corona» bekannt und schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. Koch lebt im Kanton Bern.
Es wird aber noch eine ganze Weile gehen, bis ich mit den beiden wieder in den Wald gehen kann. Aber ich will mich nicht beklagen. Ich vermisse sie jedenfalls. Und ich glaube, sie mich auch.




