So bringt Rugby Bern Vollkontaktsport in die Klassenzimmer

Bern,
Mit Rugby@School bringt Rugby Bern den Sport seit 13 Jahren in die Schulen. Am Finaltag auf der Berner Allmend zeigt sich, wie viel Engagement dahintersteckt.

Rund 200 Kinder, 18 Teams und ein Ziel: Rugby erleben. Mit Rugby@School bringt Rugby Bern den Vollkontaktsport seit 13 Jahren in die Klassenzimmer.
Am Finaltag auf der Berner Allmend zeigt sich, wie gross der Aufwand ist, den der Verein betreibt – auch wenn der Ertrag bescheiden bleibt.
Die Sonne brennt an diesem Mittwochmittag auf die Berner Allmend. 30 Grad, kaum Schatten – ausser unter den roten Eventzelten von Rugby Bern. Auf dem Grill brutzeln ein paar Bratwürste für die Helfer.
Noch ist es ruhig. Doch schon bald werden sich hier rund 200 Kinder in mehr als 18 Teams messen. Es ist Finaltag von Rugby@School, dem Nachwuchsprojekt von Rugby Bern.

Das Ziel: Die Kinder für Rugby begeistern. Kein einfaches Unterfangen. Fussball, Eishockey, Unihockey, Handball und zahlreiche weitere Sportarten buhlen um die Kinder. Seit 2013 gehen Spielerinnen, Spieler und Trainer von Rugby Bern deshalb direkt in die Schulen der Stadt und Agglomeration.
«Wir versuchen, dass die jungen Aktiv-Spielerinnen und – Spieler in die Schulen gehen. Sie sprechen die Sprache der Kinder und können Vorbilder sein», sagt Vereinspräsident Moritz Aebersold.
Für das Gespräch hat er zwei junge Botschafter des Projekts unter das Zeltdach geholt. Die 18-jährige Jael Kunz spielt bei den Red Wolves, dem Frauen-Team von Rugby Bern, in der höchsten Schweizer Liga.
Als Kind nahm sie selbst an Rugby@School teil; zum Sport fand sie allerdings schon früher über ihren Vater, der bis heute Rugby spielt. Zweimal begleitete sie ihn bei Schulbesuchen, dieses Jahr leitete sie erstmals selbst zwei Doppellektionen in einer fünften Klasse in Ostermundigen.
«Als ich das erste Mal ins Schulzimmer kam, dachte ich: Was für ein Chaos!» Später habe ihr der Lehrer aber gesagt, die Kinder hätten selten so konzentriert mitgemacht. Beim zweiten Besuch sei der Fortschritt deutlich sichtbar gewesen.
«Wir spielten neun gegen neun, ein richtiges kleines Match. Man hat sofort gemerkt, dass sie es verstanden hatten.» Mädchen und Jungs spielen gemeinsam.

Probleme gebe es keine. Die Regeln seien klar, sagt Jael Kunz – und die intensivsten Zweikämpfe sieht man später, wenn das Turnier läuft, oft sogar bei den reinen Mädchen-Teams.
Rugby als Unterrichtswerkzeug
Dass Rugby Kinder schnell begeistert, erlebt auch Louis Moloney immer wieder. Der 25-Jährige schliesst derzeit die Pädagogische Hochschule ab und überarbeitet das Lehrmittel, das Rugby Bern den teilnehmenden Lehrpersonen zur Verfügung stellt.
Es soll einfacher, praxisnäher und stärker auf den Lehrplan abgestimmt werden. Vor allem aber soll es Lust machen, Rugby im Unterricht einzusetzen. Moloney ist in Bern aufgewachsen, besuchte die Unterstufe in Australien und kehrte als 14-Jähriger zurück.
In Australien ist Rugby Nationalsport. Auch bei ihm war es der Vater, der die Begeisterung für das Spiel weckte. Heute ist er Fly-Half der ersten Mannschaft, Verbinder, so etwas wie der Spielmacher im Fussball.
Rugby sei weit mehr als ein Kontaktsport, sagt Moloney. «Man rennt mit dem Ball nach vorne, darf ihn aber nur nach hinten passen.» Diese ungewohnte Logik fordere die Kinder motorisch und taktisch heraus.
Bewegungsmuster und Spielverständnis unterschieden sich stark von anderen Sportarten. Genau solche Aspekte sollen im neuen Lehrmittel stärker herausgearbeitet werden. Wenn alles nach Plan läuft, kommt es bereits nächstes Jahr zum Einsatz.
Moloney und Kunz gehören zu den rund 20 Spielerinnen und Spielern, die in den vergangenen Wochen Fünftbis Siebtklässler unterrichteten. Für das Finalturnier stehen sogar über 50 Freiwillige im Einsatz.
Während die Jüngeren coachen oder Spiele leiten, kümmern sich die Fossy Bears, die Senioren des Vereins, um Organisation, Infrastruktur und Verpflegung. Zu ihnen gehört auch Präsident Aebersold.
Mehr als nur Nachwuchsförderung
Der Aufwand ist beträchtlich, der unmittelbare Ertrag überschaubar. Da macht sich Aebersold keine Illusionen. «Der Return on Investment ist bescheiden. Aber wir arbeiten daran, dass mehr Kinder den Weg in unsere Teams finden.»
Noch wichtiger sei jedoch etwas anderes: Begegnungen schaffen. Viele Eltern hätten nach wie vor Vorbehalte gegenüber Rugby. Zu gefährlich, zu grob, lauten die häufigsten Einwände.
«Wir müssen Vorurteile abbauen», sagt Louis Moloney. Natürlich wird getackelt, geklammert und gezogen. Doch die Regeln sind klar, und die Kinder haben sichtbar Freude daran.
«Sie geniessen es, sich auszutoben», sagt Moloney. Auf der Grossen Allmend bestätigt sich seine Beobachtung. Mit grosser Leidenschaft kämpfen Mädchen und Jungen um jeden Ball – unabhängig von Alter oder Geschlecht.

Nach den Spielen diskutieren sie mit roten Köpfen über gelungene Tackles, Versuche und die nächsten Gegner. Wasser steht bereit, Speaker Brian Ruchti erinnert daran, genügend Sonnencreme aufzutragen.
Für Aebersold ist der Anlass ein voller Erfolg. Nur eines fehlt dem Verein weiterhin: ein eigenes Zuhause. «Seit zwanzig Jahren suchen wir ein Klubhaus», sagt er. Zwar bestehe eine Vereinbarung mit dem Eleven, dem YB-Fanlokal. Doch ein Ort, an dem Rugby Bern seine Geschichte und seine Pokale präsentieren könne, sei das nicht.
Apropos Pokale: Ausgezeichnet werden an diesem Nachmittag natürlich auch die Siegerinnen und Sieger der fünf Kategorien.
Einen Pokal erhalten allerdings alle Teams – die Gewinner einen etwas grösseren, die anderen eine kleinere Version. Für die Kinder bleibt so eine Erinnerung an einen Nachmittag, an dem sie eine Sportart kennengelernt haben, die in Bern noch immer um Aufmerksamkeit kämpft.






