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Dalia Schipper ist Co-Präsidentin der Jüdischen Gemeinde in Bern. Foto: Daniel Zaugg
Dalia Schipper, Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern JGB

«Antisemitismus liegt teilweise in den Genen»

Die Messerattacke gegen einen orthodoxen Juden in Zürich war für Dalia Schipper ein Schock. Was das Attentat mit sozialen Medien zu tun hat und wie Klischees gegen Juden tief in der Gesellschaft verankert sind.

Dalia Schipper, wie haben Sie reagiert, als Sie von der Messerattacke in Zürich hörten?
Ich war sehr betroffen. Bis jetzt ging ich davon aus, dass antisemitische Angriffe in der Schweiz nicht vorkommen. Ich dachte, das könne vielleicht in Frankreich oder Deutschland passieren – aber doch nie bei uns! Zur Betroffenheit gesellte sich also auch noch ein grosser Schock.

Für Sie brach eine Welt zusammen?
Ja, absolut. Natürlich merkte ich immer mal wieder, wie es in diesem Zusammenhang hie und da gärt, wie Verschwörungstheorien verbreitet wurden, unter anderem während der Corona-Pandemie. In meinem Kopf war schon klar: Ganz aus der Welt ist die Sache nicht. Trotzdem war ich bis zum 7. Oktober 2023 davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft diese Thematik überwunden habe. Passiert dann so etwas wie in Zürich, in unmittelbarer Nähe, wirkt das schon sehr bedrohlich.

Wie schätzen Sie die Stimmung in Bern ein?
Wir spüren vor allem die Besorgtheit der Eltern um ihre Kinder. Sie ist übrigens nicht quartierabhängig, es kommt in Schulen in fast allen Quartieren hie und da zu Situationen, in denen sich junge jüdische Menschen unwohl fühlen. Nach dem 7. Oktober haben wir bei der Jüdischen Gemeinde Bern das Sicherheitsdispositiv angepasst, völlig zu Recht. Nun geht es darum, unseren eigenen «Safe Space» auch ausserhalb der Gemeinde zu erhalten. Bei jüdischen Erwachsenen wiederum kann ich mir weniger vorstellen, dass sie sich anders verhalten. In Bern leben zudem praktisch keine Ultraorthodoxen wie in Zürich, Jüdinnen und Juden sind nicht klar identifizierbar.
Sie selbst verspüren kein mulmiges Gefühl, wenn Sie auf die Strasse gehen?
Nein, dazu bräuchte es wohl noch mehr – was wir, Gott bewahre, selbstverständlich nie hoffen.

Der Jugendliche, der die Messerattacke begangen hat, ist erst 15 und stammt ursprünglich aus Tunesien. Ist der Islam ein Problem für Jüdinnen und Juden?
So weit ich weiss, kam der Täter bereits als kleiner Junge in die Schweiz. Die Religion mag ein Faktor sein, wichtiger scheint mir aber der Einfluss der sozialen Medien: Dort schaukelt man sich gegenseitig hoch, es wird bagatellisiert, dramatisiert, Verschwörungen machen die Runde … dem allem sind die Kids einfach so ausgesetzt. In Bern stehen wir im stetigen Austausch mit anderen Religionsgemeinschaften, selbstverständlich auch mit der muslimischen. Weil wir überzeugt davon sind, dass ein Miteinander möglich sein muss, damit alle so leben können, wie sie möchten.

Die Herkunft spielt also nur eine untergeordnete Rolle?
Es macht keinen Sinn, in der Schweiz die Minderheiten gegeneinander auszuspielen, sei es nun der Islam oder eine andere ethnische Gemeinschaft.

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wehte auf dem Erlacherhof monatelang die ukrainische Flagge. Beim Terroranschlag der Hamas auf Israel hingegen wurde der Zytglogge bloss kurz in blau-weissen Farben angeleuchtet.
Solche Dinge sind für mich irrelevant, eine Flagge sagt nichts aus. Grundsätzlich wollen wir Jüdinnen und Juden in der Schweiz schlicht gleich gut beschützt werden wie alle anderen, damit wir uns nicht um unsere Sicherheit sorgen müssen. Wir fühlen uns von den Behörden gut unterstützt, sogar Bundespräsidentin Viola Amherd hat nun alle jüdischen Gemeinden angeschrieben.

Ab nächstem Samstag findet in Bern eine Aktionswoche gegen Rassismus statt. Antisemitismus wurde erst auf Nachhaken auf die Traktandenliste genommen.
Das stimmt. Für deutlich relevanter halte ich allerdings die Motion, die der Nationalrat am vergangenen Donnerstag überwiesen hat. Sie fordert eine Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus. Diese ist dringend nötig.

Wie nehmen Sie die Bevölkerung wahr? Fühlen Sie sich genug unterstützt?
Manche können besser differenzieren als andere, klar. In meinem privaten Umfeld werden Themen wie der 7. Oktober oder der Antisemitismus öfter angesprochen, das liegt auf der Hand. Persönlich ermutige ich die Leute, andere auf das Thema zu sensibilisieren und Betroffenen Mut zuzusprechen. Gewisse Grenzen dürfen nie überschritten werden.

Was lehrt Sie die Situation?
Meine Erkenntnis ist, dass Antisemitismus wohl zu einem gewissen Teil in den Genen liegt. Er ist tief in der Gesellschaft verankert, immer wieder werden alte Klischees hervorgeholt und Juden in einem Satz mit der Finanzwelt genannt. Und er zieht sich durchs ganze politische Spektrum hindurch, das zeigt sich etwa daran, wenn auf Pro-Palästina-Kundgebungen Neonazis gemeinsam mit LGBTQI-Personen demonstrieren.

Was halten Sie von der Berner Newsplattform Baba News, die sich nicht eindeutig von den Terrorangriffen vom 7. Oktober distanziert und Rap-Videos teilt, in denen gegen Juden gehetzt wird?
Dazu nur so viel: Wenn jemand, so wie Baba News das tut, Anti-Hate-­Speech-Kurse organisiert, sollte man selbst ebenfalls keine Hate Speech betreiben.

Zum Schluss: War es noch nie so schwierig, Jüdin oder Jude zu sein wie jetzt?
Es ist eine schwierige Zeit, eine bedrückende, definitiv. Fast alle haben wir Familie oder Freundinnen und Freunde in Israel. Viele, auch ich, wuchsen mit dem Gedanken auf, dass, sollten in Europa alle Stricke reissen, man im schlimmsten Fall nach Israel zurückkehren kann. Von diesem Gedanken mussten wir uns nun leider verabschieden.

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