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Experten beurteilen bürgerliche Politkampagne

Sympathisch, mit einigen Fragezeichen

Sie wollen «Meh Farb für Bärn!»: (v.l.n.r.) Melanie Mettler, Béatrice Wertli, Bettina Jans-Troxler, Janosch Weyermann und Florence Pärli. Foto: zvg / Kampagne Meh Farb für Bärn

Mit «Meh Farb für Bärn» wollen Berns Bürgerliche einen zweiten Sitz im Gemeinderat holen. Inhaltlich finden Experten die Kampagne durchaus gelungen – optisch hingegen gibt es nicht nur Lob.

Fussball-EM, Gurtenfestival, 1. August­feier, Buskers: Bis zum 24. November, dem Sonntag der Stadtberner Gemeinderatswahlen, steht noch so einiges an. Doch der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm, gerade in der Politik. Und so lancierte das bürgerliche (Zweck-)bündnis seine Plakatkampagne bereits jetzt. Vor den Sommerferien und auch noch vor der oben erwähnten Europameisterschaft.

Zur Erinnerung: Eine Allianz aus GLP, EVP, Mitte, FDP und SVP will sich in einem knappen halben Jahr einen zweiten Sitz in Berns Stadtregierung holen. Oder zurückholen, je nach Betrachtungsweise. Zur Erinnerung: Derzeit liegt das Verhältnis im Gemeinderat bei 4:1 für Rot-Grün, wobei ein Sitz von Reto Nause (Mitte) besetzt wird, der allerdings abtritt. Für das bürgerliche Bündnis ins Rennen steigen Melanie Mettler für die Grünliberalen, Bettina Jans-Troxler für die Evangelische Volkspartei, Béatrice Wertli für die Mitte, Florence Pärli für die Freisinnigen und Janosch Weyermann für die SVP. Erstere dürfte ihren Platz praktisch in trockenen Tüchern wissen und Nauses Sitz erben.

Was auf den Sujets der Plakatkampagne zu sehen ist? In der oberen Hälfte rot-grüne Luxemburgerli – stellvertretend für die linke Dominanz im Gemeinderat –, unten dann ein buntes Potpourri der runden Süssigkeiten. Dazu der Slogan: «Einheitsbrei – oder meh Farb für Bärn!».

Macarons gegen die «rot-grüne Schlagseite»
Dass Melanie Mettler und Janosch Weyermann das politische Heu bloss punktuell auf derselben Bühne haben, etwa wenn es um die Finanzen geht, ist klar. Diese Tatsache würden die Flyer und Plakate allerdings nicht verschleiern, sagt FDP-Stadträtin Florence Pärli. Im Gegenteil: «Die Wählerinnen und Wähler sollen wissen, dass alle Kandidierenden eigene Schwerpunkte und einen eigenen politischen Rucksack haben.» Die Stimmberechtigten hätten somit nicht nur eine Alternative zu Rot-Grün, sondern können auch entscheiden, «welche Persönlichkeit ihre Anliegen am ehesten vertritt».

Das Politprojekt findet Pärli «sehr gelungen». Und fügt mit einem Augenzwinkern an: «Wenigstens wir dürfen und sollten uns noch ein paar Macarons einverleiben, um die rot-grüne Schlagseite aufwiegen zu können.» Ihre Bündniskollegin Béatrice Wertli ergänzt, diese Aktion sei «erst der Anfang». Die Bürgerlichen blasen also zum Angriff.

Nachholbedarf bei Links­extremismus
Um die Bevölkerung von den poli­tischen Anliegen zu überzeugen, braucht es indes mehr als nur PR-Massnahmen. Die linke Seite warf ihren Antipoden bis vor kurzem, nicht zu Unrecht, vor, sie würde eine inhaltsleere Kampagne führen. Die bernische SP-Co-Präsidentin Lena Allenspach schrieb Ende Januar auf X (vormals Twitter), das sogenannte BGM-Bündnis (für Bürgerlich-Grün-Mitte) habe «keine gemeinsame Vision für diese Stadt». Und nun?

Auf der «Meh Farb»-Website sind unter «Ziele» drei Punkte aufgelistet. Gefordert wird eine ausgewogenere Vertretung im Gemeinderat. So weit, so logisch. Zweitens: «Bern lebt finanziell über seinen Verhältnissen.» Eine Steuer- und Gebührenerhöhung muss abgewendet werden, stattdessen wolle man Investitionen möglich machen. Und schliesslich setzen sich die fünf Kandidierenden für mehr Wohnraum ein. Dieser sei dringend notwendig. Bloss: Das ist ja eines der Kernthemen von SP und Grünen. Wertli betont, dass im Gegensatz zur linken Seite explizit Private und nicht nur die öffentliche Hand ebenfalls in den Wohnbau miteinbezogen werden sollen. Florence Pärli fügt an, der Mittelstand müsse sich Wohnen in Bern weiterhin leisten können.

Anspielung auf Mac(a)ron?
Auf Anfrage des BärnerBär nennen Béatrice Wertli und Florence Pärli noch zwei weitere Anliegen, die ihnen wichtig sind: Es benötige dringend mehr Rasensportplätze, sagt Wertli. Laut der freisinnigen Fraktionschefin wiederum hat die Stadt auch in puncto Sicherheitspolitik, zum Beispiel «beim Linksextremismus», Nachholbedarf.

Endlich Inhalt also? SP-Frau Lena Allenspach findet die Argumente ihrer politischen Gegnerinnen weiterhin wenig überzeugend. Gegenüber dieser Zeitung wiederholt sie ihre Aussage, wonach die bürgerliche Liste «keine gemeinsame Vision» habe. «Ihr primäres Ziel ist es, zwei Sitze zu holen.» Persönlich würden ihr daher, sagt Allenspach, die «rot-grünen Macarons am besten schmecken».
Für Politikprofessor Adrian Vatter von der Uni Bern wiederum macht der Slogan «Meh Farb für Bärn» durchaus Sinn: «Er bringt das bürgerliche Missbehagen (…) schön auf den Punkt.» Auf den zweiten Blick würden sich «dem neutralen Beobachter» jedoch viele Fragen stellen, etwa, ob die farbigen Macarons eine Anspielung an den bürgerlichen, aber «letztlich gescheiterten Politikwandel des französischen Präsidenten Mac(a)ron» seien. «Oder ist es eine Reminiszenz an die Luxemburgerli von Sprüngli aus Zürich? Dort, wo der bürgerliche Angriff auf die rot-grüne Dominanz bekanntlich gescheitert ist? Der Experte bleibt etwas ratlos zurück.»

«Unbeholfener Einheitsbrei»
Kommunikationsexperte Patrick Feuz von Gecko Communication findet, die Farbe-Metapher wirke «sympathisch und modern. Wer hat schon etwas gegen eine bunte Stadt?» Inhaltlich mache die Kampagne deutlich, dass es sich um ein Zweckbündnis handle. «Deshalb ist es konsequent und richtig, auf ein Gruppenbild der Kandidierenden zu verzichten.» Visuell-grafisch ist Feuz weniger angetan: «Die kulinarische Gegenüberstellung von Konfekt/Guetzli und Einheitsbrei wirkt unbeholfen. Man könnte sagen: Von allem zu viel, zu vieles gleichzeitig.» Patrick Feuz fragt sich, warum man nicht einfach auf Farben gesetzt habe. Seiner Meinung nach hätte eine «schlichte, abstrakte Lösung» stärker gewirkt.

Auf Bern wartet also ein bunter Wahlkampf. Ob danach nebst Rot und Grün weitere Farben Einzug in den Berner Gemeinderat finden, entscheidet sich am 24. November.

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