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Sattlerin Fiona Losinger mit ihrem Lieblings-Taschenmodell «Camarade» in der aktuellen Trendfarbe gelb. Foto: Daniel Zaugg
Sattlerei Fiona Losinger

«Gutes Handwerk hat immer Zukunft!»

Beim Betreten des hübschen, kleinen Ladens an der Berner Münstergasse wüsste man auch mit geschlossenen Augen, dass hier Leder verarbeitet wird. Der charakteristisch angenehme Geruch erfüllt den Raum und erinnert an Tradition und Handwerk.

Mit strahlendem Lächeln empfängt uns Fiona Losinger, die gerade dabei ist, einen Reissverschluss zu kürzen. Neben ihr an der Ledernähmaschine fertigt Chukyi Phuntsog aus einem mit grafischen Mustern bedruckten Stoff ein Taschen-Innenfutter. Die Endprodukte – vom kleinen Münz-Portemonnaie bis hin zu Umhänge- und Reisetaschen – sind vorne im Laden hübsch angeordnet und in allen Farben ausgestellt. Typisches Merkmal aller angebotenen Produkte ist deren Innenleben aus hochwertigen Stoffen in unzähligen verschiedenen Designs. «Ausserdem verarbeite ich ausschliesslich pflanzlich gegerbte Leder und ich will von all den Materialien, die ich verarbeite, wissen, woher sie kommen», betont Fiona Losinger. «Am Anfang haben mich die Leute deswegen fast ein bisschen belächelt – aber es war schon seit jeher meine Überzeugung», fügt sie an.

Am Anfang, das war vor 28 Jahren, als sie sich selbständig machte und ein Geschäft in der Junkerngasse eröffnete. «Damals galt meine Leidenschaft noch fast ausschliesslich den Möbeln, so wie ich das in meiner Ausbildung in der Sattlerei von Küre Güdel gelernt hatte – er war übrigens der Drummer von ‹Rumpelstilz› und so ein wunderbarer Mensch. Von ihm habe ich nicht nur das Handwerk, sondern auch Herzenswärme gelernt», erzählt Losinger und lächelt.

Von der Juristerei in die Sattlerei
Begonnen hatte ihre berufliche Laufbahn mit einem Jus-Studium. Nach dem Bachelor wurde ihr aber bewusst, dass dieser Weg sie wohl nicht glücklich machen würde. Sie entschied sich gegen den sicheren Job und wandte sich ihrer Leidenschaft fürs Leder zu. «Ich bin in meiner Jugend geritten und war schon immer fasziniert von Sattel und Zaumzeug, insbesondere von deren Haptik und dem typischen Geruch.» Leder habe etwas sehr Sinnliches, es gebe was her, sei stabil, erklärt sie ihre Faszination für das Naturprodukt. «Ich hab all die neuen, lederähnlichen Materialien, die es nun zunehmend auf dem Markt gibt, angeschaut. Aber gegen echtes Leder kommt einfach nichts an», beschreibt sie ihre Erfahrungen. «Und ich denke, solange wir Fleisch essen, ist Leder ein natürliches Material, das unbedingt verarbeitet werden sollte. Ich selbst esse nur sehr wenig und achtsam Fleisch, auch hier ist mir die Herkunft und Qualität wichtig.»

Liebe, Präzision und Sorgfalt
Jasmine Lüdi, Lernende Leder und Textil, bringt ein paar kleine BonBec-Täschchen in verschiedenen Farben aus der Werkstatt in den Laden. «Das Gelbe stellen wir gleich ins Schaufenster!» freut sich Fiona Losinger und arrangiert es mit geübter Hand, so dass man das mit feinen Blümchen gemusterte Innenfutter gut sieht. Die Art, wie sie die ledernen Kostbarkeiten berührt, verrät, wie sehr sie ihre Produkte liebt. Sie schmunzelt: «Ich weiss grad nicht, wie ich es beschreiben soll, aber ich bin überzeugt, dass die Liebe, Genauigkeit und Sorgfalt, mit der wir unsere Dinge erschaffen, spürbar sind. Dass Dinge dadurch auch beseelt werden und ihren Besitzern viele Jahre lang etwas davon weitergeben können.»

Eigentlich war gar nicht geplant, dass Fiona Losinger jemals Handtaschen produzieren würde. «Alles begann mit der Heilung eines ‹Traumas› aus meiner Schulzeit», erzählt sie und fährt augenzwinkernd fort: «Ich hätte immer schon gerne so einen Schulranzen mit Kuhfell gehabt – die hatten zu meiner Zeit aber nur die Jungs. Deshalb hab ich mir später im gleichen Stil eine Handtasche genäht», und mit einem Griff zieht sie ein camelfarbenes Tornister-Täschchen mit einem Deckel aus orange eingefärbten Kuhfell aus einem Regal. «Voilà. Das war eigentlich der Anfang. Danach wollten immer mehr Freundinnen und auch andere Frauen eine solche Tasche.» Und daraus entwickelten sich dann mit der Zeit immer mehr Modelle.

Im Hier und Jetzt leben
«Neben meinem Geschäft bin ich noch Mami von vier Kindern – deshalb hatte ich weder einen Businessplan noch ein genaues Ziel. Ich nahm einfach jeden Tag und freute mich über alles, was da so kam. Ideen, Kundinnen …» sie lacht und ihre Begeisterung ist ansteckend. «Man kommt also auch auf diese Weise wunderbar und sehr inspiriert durchs Leben», fasst sie zusammen. «Vielleicht auch deshalb, weil man nicht festgefahren und somit offen für jede neue Möglichkeit ist.» Sie selbst bezeichnet sich denn auch als «Eidgenössisch diplomierte Basteltante» und ihr Geschäft als «meine professionelle Spielwiese mit Farben und Mustern».

Inzwischen sind sie ein Team von fünf Frauen. Und man spürt, dass die Chemie stimmt zwischen ihnen. «Das ist mir sehr wichtig. Ich hab ja keinen Management-Kurs in Mitarbeitendenführung», meint Losinger bescheiden. «Ich führe einfach mit dem Herzen, so dass sich alle wohlfühlen.»

Wenn aus Resten «Claudette» entsteht Ihre Lederwaren sind praktisch, schnörkellos und langlebig. «Wir gehen auch gerne auf individuelle Bedürfnisse unserer Kundschaft ein und fertigen Gewünschtes nach unseren Möglichkeiten an.» Fiona Losinger und ihr Team finden fast immer eine Lösung. So auch für die jahrealte, aber heissgeliebte Fototasche unseres Fotografen, deren Boden sich langsam, aber sicher auflöst. Mit geübtem Blick schaut sich Losinger die Tasche an und meint: «Das ist kein Problem. Wir kommen hier von innen gut dazu und können einen stabilen Lederboden aufnähen.»

Manchmal, wie im Fall des neusten Taschenmodells «Claudette», entstehen neue Ideen auch ganz zufällig: «Wir haben für die ‹Steinhalle› die Polsterung der Sitzbänke angefertigt – dabei haben wir Schaumstoff abgenäht. Da wir von diesem noch Resten hatten, kam uns die Idee zu einer Tasche mit einer gepolsterten und abgesteppten Vorderseite. So entstand ‹Claudette›!»

Für Fiona Losinger hat gutes Handwerk immer Zukunft. Die Corona-Zeit habe die Leute vielleicht wieder etwas mehr für einheimisches Schaffen sensibilisiert. Man darf denn auch jederzeit einen unverbindlichen Blick in die kleine, kreative Welt der Sattlerei Fiona Losinger werfen. Ganz besonders ist das vom 22. bis 24. März während der Europäischen Tage des Kunsthandwerks (siehe Kästchen) zu empfehlen.

Hat die Sattlerin eigentlich ein Lieblingsstück? «Natürlich liebe ich sie alle! Aber die ist in Funktion und Schönheit schon sehr gelungen. Und das Schminktäschli mit dem Bügelverschluss ist einfach total süss.»

PERSÖNLICH

Fiona Losinger, 1966, wuchs in Gerzensee und Bern auf. Sie studierte zunächst Jura, erlernte dann aber in einer Zweitausbildung das Handwerk des Sattlers. Als Sattlerin war sie zunächst vor allem im Bereich Möbel tätig, bevor sie sich immer mehr auf Taschen und Accessoires spezialisierte. Ihr Atelier befindet sich seit 19 Jahren an der Berner Münstergasse, inzwischen besteht ihr Team aus fünf Frauen, zwei davon sind Lernende. Fiona Losinger ist Mutter von vier Kindern und wohnt in Bern.

TIPP

Europäische Tage des Kunsthandwerks in Bern (ETKB)

Freitag, 22. bis Sonntag, 24. März

Eintauchen in die faszinierende Welt der vielfältigen Handwerkskunst: Über 50 Kreativschaffende öffnen kostenlos ihre Werk- und Wirkstätten.
Auch die Sattlerei Fiona Losinger ist mit dabei. «Wir sind gespannt auf hoffentlich viele interessierte Besucherinnen und Besucher!» freut sich Fiona Losinger.

Mehr dazu: www.etak-bern.ch

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