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Seltene Berufe: Geigenbauer/in EFZ

Sie bauen immer zu zweit ein Instrument

Rahel Widmer und Thiemo Schutter in ihrem Geigenbauatelier in Bern. Foto: Daniel Zaugg

Rahel Widmer und Thiemo Schutter betreiben seit 2019 das Geigenbauatelier Schutter Widmer Krieger GmbH am Balmweg in Bern. Beide haben die Grundbildung als Geigenbauer:in EFZ an der Geigenbauschule Brienz abgeschlossen. Sie lassen den BärnerBär an diesem seltenen Beruf bildhaft teilhaben.

Das Atelier im roten Haus am Balmweg 24 im Weissensteinquartier ist geräumig und hell. Beim Betreten ist der Raum erfüllt von Hobel- und Schleifgeräuschen der beiden Atelier-Inhaber:innen. Rahel Widmer und Thiemo Schutter bearbeiten ein Cello, das im Entstehen begriffen ist. Für das BärnerBär-Gespräch unterbrechen sie ihre Arbeit.

Bis zu 200 Stunden für eine Geige
Wieviele Celli bauen sie jährlich? Die Antwort von Rahel Widmer überrascht den Laien: «Es sind durchschnittlich 1½ Celli pro Jahr.» Klar, ein Cello verkauft sich nicht wie ein Brot, aber trotzdem… «Wir arbeiten immer zu zweit an einem Instrument. Vier Hände und vier Augen ergeben das bessere Resultat! Aber wir arbeiten nicht permanent am gleichen Instrument. Zwischendurch legen wir die Arbeit beiseite, kümmern uns beispielsweise um einen dringenderen Serviceauftrag. Mehr als zwei Celli im Jahr schaffen wir nicht», klärt Rahel Widmer auf. Und Thiemo Schutter ergänzt: «Für eine Geige wenden wir zwischen 150 und 200 Stunden auf. Aber wir schauen nie auf die Zeit, bauen einfach, bis wir fertig sind!» Im 2023 bauten die beiden zwei Bratschen und zwei Celli. Die Bratsche ist leicht grösser als eine Geige und klingt tiefer; sie ist das Alt-Instrument, während die Geige das Sopran-Instrument verkörpert.

Die beiden Geigen-Experten bauen bewusst nie nach Auftrag. Dazu Thiemo Schutter: «Wir machen die Erfahrung, dass die Kundin bei uns ein Instrument aussucht, kennenlernt, sich verliebt und mitnimmt – so passt es zu ihr.» Er zeigt auf ein Cello im Raum. Es ist der Nachbau eines berühmten Stradivari-Cellos. «Der Kunde wünschte davon eine Kopie. Wir nahmen den Auftrag entgegen, aber ohne Kaufverpflichtung. Wenn ihm dann das Instrument nicht entspricht, gewinnt niemand.» Es sei jedoch nicht das Ziel, möglichst viele Instrumente am Lager zu haben. So befinden sich zur Zeit unseres Besuches zehn Geigen und vier Bratschen gut sichtbar im Atelier. Wieviel kostet eine Geige des Ateliers Schutter Widmer Krieger? «Bei uns hat jede Geige den gleichen Preis und immer die gleiche Qualität, nämlich die beste! 20 000 Franken plus Mehrwertsteuer», lacht Thiemo Schutter. Der Preis widerspiegle den Zeitaufwand.

Drei neue Berufsleute pro Jahr
Der Beruf des Geigenbauers/der Geigenbauerin kann im wahrsten Sinne des Wortes als selten bezeichnet werden. Gerade mal zwei bis drei Geigenbauer:innen EFZ verlassen jährlich die Geigenbauschule Brienz, die einzige Ausbildungsstätte der Schweiz. «Das Kulturleben hierzulande benötigt auch nicht mehr», sagt Rahel Widmer. Diese wenigen fänden dann aber meist eine Stelle.
Rahel Widmer hat als Erstberuf das Schreinerhandwerk gelernt. Sie hat den Beruf zwar geliebt und mit
Auszeichnung abgeschlossen. «Aber die körperliche Herausforderung ist happig», blickt sie zurück. Sie wusste, dass sie diesen Beruf nicht ein Leben lang würde ausüben können. Geige spielte sie schon als Jugendliche, und so lag der zweite Berufswunsch nahe: Geigenbauerin. An der Geigenbauschule Brienz absolvierte sie dann die Grundbildung. Das Praktikum verbrachte sie in einem Atelier in Lausanne. 2015 begann sie als angestellte Geigenbauerin im seit 2005 bestehenden Atelier von Olivier Krieger in Bern. Seit August 2019 ist Olivier Krieger Co-Leiter der Geigenbauschule Brienz und Rahel Widmer Mitinhaberin des Ateliers Schutter Widmer Krieger GmbH.

Thiemo Schutter hatte nach mehreren Studien zum Cellisten das Bedürfnis, seine manuellen Fähigkeiten auch beruflich einzusetzen. Er stattete der Geigenbauschule Brienz einen Besuch ab, um sich über den Beruf zu informieren. Das Timing war perfekt: Kurz vor Anmeldeschluss zum Aufnahmeverfahren meldete er sich an, bestand die Prüfung und war aufgenommen. Sein Praktikum absolvierte er in einem Geigenbauatelier in Zürich. Danach spielte sich zeitlich im Atelier Krieger in Bern alles ab wie bei Rahel Widmer, auch er ist seit August 2019 Mitinhaber.

Geigen nach alten Vorbildern
Mehrere der von Rahel Widmer und Thiemo Schutter gebauten Instrumente tragen Namen wie «Pietro Antonio Dalla Costa, Antonio Stradivari ‚Mara’ oder Francesco Ruggeri». Die beiden orientieren sich dabei an historischen Vorbildern, die sie interessieren. Gibt es Unterschiede? Dazu Thiemo Schutter: «Die von uns hergestellten Geigen unterscheiden sich funktionell, von der Grösse her, vom Klang. Gleich bleiben jedoch die Qualität und der Preis.» Während bei den Geigen der Boden meist aus Ahorn-Holz und die Decke aus Fichte gefertigt wird, besteht der Boden bei Bratschen und Celli oft aus Pappel-Holz. Die Bogenbezüge stammen vom Schweif von Hengsten, «dieser ist robuster als bei Stuten», weiss die Geigen-Expertin Rahel Widmer.

Geigenbauer:in EFZ

Geigenbauer:innen warten, reparieren, restaurieren und bauen Streichinstrumente. Dabei bearbeiten sie Holz mit Hobeln, Schnitzeisen, Raspeln und Feilen. Daneben verkaufen und vermieten sie Instrumente und Zubehör.

Ausbildung: 4 Jahre
Bildung in beruflicher Praxis: An der Geigenbauschule Brienz (Vollzeit-Berufsfachschule) oder in einem Geigenbau-Atelier.
Schulische Bildung: Berufskunde: Geigenbauschule Brienz (Blockunterricht). Allgemeinbildung: Schule für Holzbildhauerei Brienz (Blockunterricht). Instrumentalunterricht: bei befähigten Musiker:innen.
Vorbildung: Nach abgeschlossener obligatorischer Schule bestandenes Aufnahmeverfahren zum Eintritt in die Geigenbauschule Brienz: Handwerkliche Arbeit mit Holz, Zeichnen und Modellieren. Spielen eines Instruments. Gehörprüfung, Augentest, Schriftliche Arbeit und Prüfungsgespräch
Anforderungen: Handwerkliches Geschick, exakte Arbeitsweise, Räumliches Vorstellungsvermögen, Sinn für Formen und Farben, Musikalität und gutes Gehör, Konzentrationsfähigkeit, Geduld und Ausdauer
Abschluss: Eidg. Fähigkeitszeugnis «Geigenbauer:in EFZ»
Infos: Schweizer Verband der Geigenbauer und Bogenmacher SVGB, Basel – geigenbauer.ch – Geigenbauschule Brienz – geigenbauschule.ch


Quelle: berufsberatung.ch

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