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Ein Raum, der junge Menschen in Not durchatmen lässt

Bern steht hinter ihnen: Eva Gammenthaler und Robert Sans vom Verein Rêves sûrs freuen sich über eine Crowdfunding Finanzierung in Rekordzeit. Die Idee einer Notschlafstelle für junge Menschen findet breite Unterstützung.
Es ist kalt, feucht, niemand weiss, wer oder was im bedrohlichen Dunkel der Nacht lauern könnte. Im Park schlafen oder doch mit dem Fremden mitgehen, den man gerade auf der Strasse kennengelernt hat? Ein Horrorszenario, das nicht selten junge Menschen in Bern erleben. «Wenn Menschen nicht wissen, wo sie die kommende Nacht verbringen sollen, ist dies für Aussenstehende nicht gleich sichtbar und bei den Betroffenen oftmals mit Scham behaftet», sagt Sozialpädagoge Robert Sans. Wer aus schwierigen Verhältnissen im Elternhaus, vor Gewalt oder emotionalen Problemen flüchtet und sich aus Angst nicht an staatliche Behörden wenden möchte, steht oft alleine da. Berner Notschlafstellen etwa stehen Minderjährigen nicht offen.

65 000 Franken in 18 Tagen
Um dieses Problem zu lösen, gründete eine Kooperation von Personen, die im Jugend- und Obdachlosenbereich tätig sind, den Verein Rêves sûrs – sichere Träume. Das Ziel: eine Notschlafstelle für junge Menschen zwischen 14 und 23 Jahren aufzubauen. «Der Name ist bewusst gewählt», erklärt Vorstandsmitglied Eva Gammenthaler. «Uns gefielen optisch die zwei Accents circonflexes als Dächer. Denn das wollen wir sein: ein geschützter Raum, in dem die Jugendlichen zur Ruhe kommen können.» Projektleiter Sans nickt. In der Notschlafstelle soll alles freiwillig sein. «Das Angebot wird niederschwellig und anwaltschaftlich. Wir werden im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen die Interessen der schutzsuchenden jungen Leute vertreten. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit besteht auch in Krisensituationen.» Um den Traum von einem sicheren Schlafplatz wahr werden zu lassen, konstituierte sich der Verein letztes Jahr in Windeseile und gewann bei der Glückskette eine erste Finanzierung. Dann klopfte er bei zahlreichen Stiftungen an und setzt nun auf die Kraft der Gemeinschaft: Über die Plattform Crowdify stellte Rêves sûrs seine Idee per Video mit ehemaligen Betroffenen und Sozialarbeitenden vor und bat um Spenden. Die angepeilten 65000 Franken kamen in nur 18 Tagen zusammen, 30 Prozent davon allein am ersten Tag. Fast 700 Menschen haben das Projekt bisher mit Kleinspenden zwischen 100 und 1000 Franken unterstützt. Sans und Gammenthaler strahlen: «Wir sind überwältigt und dankbar.» Der Erfolg kam allerdings nicht aus dem Nichts. Dank guter Vernetzung versprachen schon vor Start der Kampagne viele eine Unterstützung. Auch Sponsoren für Goodies fanden sich zuhauf. In der Unterstützungsliste finden sich auch Stadträtinnen wie Lea Bill oder Theologe Matthias Zeindler. Sans bekam etliche Rückmeldungen: «Sowohl von Menschen, die noch nie etwas von uns gehört hatten, als auch von Fachpersonen. Sie sagten beispielsweise: Ihr seid gerade in Zeiten von Corona ein Lichtblick!» Viele Menschen spreche das Anliegen des Vereins emotional an, weil er versucht, die Situation junger Menschen zu verbessern, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Status.

Überdosis mit 15 Jahren
Das Projekt machte in den sozialen Medien schnell die Runde. «Unsere Social-Media-Expertin hatte am dritten Tag der Kampagne eine Sehnenscheidenentzündung vom vielen Handytippen. Sie hat alles gegeben», so Gammenthaler zum Hype, der dem Projekt zusätzlichen Rückenwind gibt. Doch anstatt die Korken knallen zu lassen, feierte Rêves sûrs den Erfolg nur kurz mit einem Glühweinumtrunk und ging die nächsten Schritte an. Eine passende Immobilie ist nun gefunden. Im Haus an der Studerstrasse 44 wird es sechs kostenlose Übernachtungsplätze geben. Um die Notschlafstelle in der Pilotphase drei Jahre zu unterhalten, werden jährlich etwa 600000 Franken nötig sein. Die Stadt Bern unterstützt das Projekt jedoch nicht monetär, sondern durch eine städtisch verwaltete Stiftung. Durch Stiftungsgelder und Spenden konnte das Pilotprojekt auch schneller realisiert werden. «Wenn alles klappt, können wir im Frühjahr 2022 eröffnen», freut sich Sans. Der politische Weg hätte wesentlich länger gedauert und eine Umsetzung wäre viel unsicherer gewesen, schätzen die Initianten. Doch dafür drängt das Problem zu sehr: «Häusliche Gewalt und psychische Krankheiten haben in der Pandemie zugenommen», sagt Sans. Alle Vereinsmitglieder kennen aus ihrer praktischen Arbeit Schicksale von jungen Menschen ohne sicheren Schlafplatz und hoffen, mit der neuen Notschlafstelle eine Lücke im Angebot schliessen zu können. «Denn derzeit können wir Jugendlichen keine Lösung in Bern anbieten», sagt Gassenarbeiterin Gammenthaler. Wie schnell es zu spät sein kann, weiss sie aus schmerzlicher Erfahrung. Bei ihrer Arbeit lernte sie eine 14-Jährige kennen, die nicht wieder in die behördliche Obhut durch Heim und Pflegefamilien zurück wollte. «Wir telefonierten drei Stunden, um eine Institution zu finden, die sie kurzfristig aufnehmen würde», erinnert sich Gammenthaler. Doch bis zum späten Abend fand sich niemand, so dass das Mädchen draussen übernachten musste. «Sie blieb dann eine lange Zeit obdachlos, übernachtete bei neuen Bekannten oder auch bei Fremden. Leider starb sie mit 15 Jahren an einer Überdosis.» Die Gassenarbeiterin will, dass sich solch tragischen Lebensgeschichten in Bern nicht mehr ereignen. Auch Sans begegnete in seiner Arbeit zahlreichen Jugendlichen, die Gewalt und Ausbeutung erfuhren. «Manche standen früh morgens vor der Jugendarbeit und ich konnte davon ausgehen, dass sie dort irgendwo übernachtet hatten. Damals wäre ich um ein Überbrückungsangebot wie von Rêves sûrs dankbar gewesen.»

Michèle Graf

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