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Schweizer Hub für Digitalisierung in der Bildung

BeLEARN forscht zur digitalen Kompetenz an Schulen

«Digitalisierungsthemen sind immer Kulturthemen», sagt Katrin Müller von BeLEARN. Foto: Daniel Zaugg

Die Digitalisierung ist in sämtlichen Lebensbereichen aller Generationen angekommen. Auch in Schulzimmern, wo Bildschirme Schulbücher zu verdrängen scheinen. Für Lehrpersonen eine enorme Challenge. Aus dieser Situation entstand in Zusammenarbeit von fünf Hochschulen «BeLEARN». Über diese Forschungsdrehscheibe für die Schulen von morgen sprachen wir mit Katrin Müller, CEO dieses praxisorientierten Wissens-Hubs.

BeLEARN ist eine Initiative des Kantons Bern. Die Universität Bern, die Pädagogische Hochschule Bern, die Berner Fachhochschule, die Eidg. Hochschule für Berufsbildung und die École polytechnique fédérale de Lausanne EPFL bilden die Trägerschaft. Weitere Partnerschaften mit anderen Hochschulen zählen ebenfalls zum Netzwerk. Erste Forschungsprojekte starteten im Januar 2022, damals noch in einem Provisorium – seit Dezember 2022 treffen sich die Forschenden, Fachpersonen aus der Praxis und Start-Ups im City West an der Laupenstrasse 19.

Wie entwickelt sich die noch junge Institution?
Katrin Müller: Die Forschungstätigkeit umfasst alle Bildungsstufen von der Grundschule über die Berufslehre bis zu den Universitäten. Wir sind nun im dritten Jahr und verzeichnen über 50 Forschungsprojekte, entsprechend lebhaft geht es bei uns zu und her. Mit den Forschenden und Gästen, den beteiligten Start-ups und unserem Geschäftsstellenteam gehen hier wohl über 60 Personen täglich ein und aus.

Die von BeLEARN verwendete Bezeichnung Hub trifft also zu. Geben Sie uns ein Bild der Infrastruktur.
Sie ist für eine praxisorientierte Forschungsarbeit zur Digitalisierung in der Bildung umfassend. Räumlich verfügen wir über «Focus Spaces» für stille Arbeiten, Sitzungsräume und «Collaboration Spaces» mit rollbaren Möbeln – BeLEARN bietet auf neuestem Stand die passende Umgebung für jedes Setting. Dazu gehören u.a. Augmented Reality, die erweiterte virtuelle Technologie, mit welcher digitale Elemente mit der realen Welt verbunden werden, und das Infinadeck, eine Art Laufband, auf dem man sich in alle Richtungen bewegen kann und bei der Forschung mit Virtueller Realität nicht mehr auf grosse Platzverhältnisse angewiesen ist. All dies veranschaulicht, dass BeLEARN die Digitalisierung in der Bildung auf allen Schulstufen auf modernste Weise sehr weit fasst.

Es geht um Wissenschaft – welche Bedingungen stellen Sie an Forschungsprojekte?
Die erste und höchste Hürde ist die Praxisorientierung. Wir finanzieren nur Arbeiten, deren Ziel konkrete Problemlösungen sind. Mit konkret ist die praktische Anwendung in der Ausbildung gemeint. Gerade auch deshalb vernetzen sich bei BeLEARN Forschende mit Start-ups aus dem Bereich Digitalisierung und Bildung, Erkenntnisse und Entwicklung gehen Hand in Hand, gemeinsam mit der Bildungspraxis. Es geht also um die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung in der Bildung und die Förderung der Umgangskompetenz mit digitalen Lernmitteln. Als Forschungszentrum sind wir ein offener Hub, kein wissenschaftlicher Elfenbeinturm – BeLEARN liefert digitale und analoge Lösungen aus und für die Praxis.

Weltweit gibt es Stimmen, auch seitens von Pädagogen, die der Digitalisierung oder der Künstlichen Intelligenz zunehmend kritisch ge­genüber stehen. Sie würden das Denken ausschalten, Lernende würden «nur noch googeln».
Hinter dieser Haltung stecken unter anderem Ängste vor einer Veränderung ihrer Rolle oder ihres Arbeitsalltags. Sehen Sie, die Digitalisierung ist da, es geht also realistisch darum, dass sie und ihre wachsenden Möglichkeiten an den Schulen sinnvoll eingesetzt werden. Und exakt das ist das wichtigste Ziel der BeLEARN-Forschungsprojekte: Das Erwerben der Umgangskompetenzen mit digitalen Hilfsmitteln – zu definieren, wo ihr Nutzen gross, wo unnötig und wo negativ ist. Wir sind keine «Werbezentrale» für Digitalisierung, sondern für deren optimale Anwendung.

Darf man annehmen, dass die erwähnten Ängste vor allem auf ältere Lehrpersonen zutreffen?
Nein, es sind veränderungsscheue Personen. Dies kann auch jüngere Lehrpersonen betreffen, was ein Grund zur Sorge ist. Digitalisierungsthemen sind immer Kulturthemen – die Affinität resp. die Verweigerung für Neues ist bei allen berufsaktiven Generationen wohl gleich gross.

Schauen wir uns dennoch die Gefahren der Digitalisierung im Unterricht an. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Verdummungsgefahr?
Mit dem Aufbau der Umgangskompetenz sicher nicht. Tablets und Smartphones sind für Lernende interessant und faszinierend. Sie haben an sich aber keinen didaktischen Mehrwert, wie die Wandtafel mit Kreide übrigens auch nicht. Für ihren Nutzen geht es somit um das Wie in der Anwendung – um Schüler an Tablets und Laptops zu unterrichten, braucht es pädagogische und didaktische Konzepte.

Die jüngste Pisa-Studie setzt die Schweiz in eine ziemlich führende Position, vor allem in der Mathematik und auch bei den Naturwissenschaften. Nicht so beim Lesen. Geht der Verlust der Lesefähigkeit auf die Digitalisierung zurück?
Hm. Auch digitale Informationen müssen ja zumindest teilweise gelesen werden. Es ist jedoch etwas anderes, ein Buch zu lesen, wo man über längere Zeit in die Handlung eintauchen muss, als auf dem Handy kurz etwas zu lesen. Parallel sind da noch TikTok, WhatsApp … das Hirn tanzt auf zehn Hochzeiten gleichzeitig. Die ständige Erreichbarkeit auf verschiedensten Kanälen, die Bedürfnisorientierung und Selbstoptimierung steigern sicher nicht die Konzentrationsfähigkeit – so fällt es schwer zu lesen, das Leseverständnis wird dadurch nicht besser. Digitalisierung ist ein Erziehungsthema, sie verlangt Selbstkontrolle und das Einhalten von Spielregeln. Wir forschen nach Wegen, für die Bildung diesbezüglich Orientierung zu geben, z. B. auch im Bereich Künstliche Intelligenz.

Gibt es aus für Lernende so etwas wie die ideale Bildschirmzeit?
Für die maximale Bildschirmzeit pro Alterskategorie gibt es Empfehlungen, u. a. von Pro Juventute. Das sind etwa bei 7-Jährigen maximal 30 bis 60 Minuten pro Tag. Solche Zeitangaben dienen als Orientierung, Kinder sind unterschiedlich. Übrigens: Auch wenn Eltern eine bestimmte Bildschirmzeit durchsetzen, bedeutet dies nicht, dass in dieser Zeit das Kind auf dem Tablet machen kann, was es will.

Zuletzt eine ketzerische Frage: Müssen Lehrpersonen fürchten, in nicht allzu ferner Zukunft durch KI und Roboter ersetzt zu werden, und braucht es eigentlich die Schulzimmer noch?
Die Furcht ist unbegründet. Mit der Digitalisierung nimmt die 1:1-Betreuung der Schülerinnen und Schüler sogar zu, die Lehrpersonen werden so noch mehr zu Lerncoaches. Und das Klassenzimmer ist, das zeigte auch die Corona-Zeit, unverändert unverzichtbar: Es braucht diesen geschützten Ort der Begegnung und der psychologischen Sicherheit.

PERSÖNLICH

Dr. Katrin Müller, 44, CEO von BeLEARN, ist Bernerin und lebt mit ihrem Mann in Muri. Nach dem integralen Lehrpatent studierte sie u. a. Pädagogische Psychologie an der Universität Bern, Management an der HSG sowie Innovations- und Changemanagement an der BFH. Energie tankt sie in den Bergen, bei Zeit mit Freundinnen und Freunden sowie beim Sport.

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