Dominic Stricker: «Hilft, Vertrauen in Körper zu haben»

Nach Roger Federers Rücktritt war die Hoffnung gross, in der Person Dominic Strickers möglicherweise einen würdigen Nachfolger des «Maestros» gefunden zu haben.

Stricker hatte soeben das Grand-Slam-Turnier der Junioren in Roland Garros und auch das Doppel gewonnen, ein neuer Stern am Schweizer Tennis-Himmel war aufgegangen – wieder standen rosige Zeiten bevor. Die hohe Erwartungshaltung schien sich zu erfüllen.
Captain Severin Lüthi nominierte den Mann aus Grosshöchstetten für den Davis Cup, Stricker war auch hier erfolgreich. Beim US Open folgte der nächste Karriereschritt mit dem Sieg über die damalige Weltnummer 7, Stefanos Tsitsipas; erst der Achtelfinal gegen den als Nummer 9 gesetzten Amerikaner Taylor Fritz bedeutete Endstadion.
Die Medien – nicht allein in der Schweiz – hielten sich mit Lobeshymnen und Komplimenten nicht zurück, ein neuer Star schien geboren zu sein. Noch im gleichen Jahr tauchte Stricker erstmals in den Top 100 auf, der Vormarsch des Linkshänders, der die Rückhand schon beinahe so perfekt schlug wie Stan Wawrinka, schien nicht aufzuhalten zu sein.

Doch dann wendete sich das Blatt. Immer wieder stoppten Verletzungen das Vordringen in der Weltrangliste. Einmal war es der Rücken, dann das Knie, längere Verletzungspausen und der Rückfall bis auf Rang 380 waren die Folge der immer wieder neu auftauchenden Blessuren. Heute grüsst Stricker von ATP-Rang 348.
Grosse Vorfreude
«Die Vorfreude auf das Turnier in Gstaad ist riesig. Ich habe das Jahr mit den beiden Siegen an Future-Turnieren in Saint-Dizier (Fr) und Trimbach gut begonnen. Spielerisch bin ich zwar noch nicht so weit, wie ich sein sollte, doch zum Glück bisher von Verletzungen verschont geblieben», sagt Stricker, der in Gstaad zweimal die Doppel-Konkurrenz gewonnen hat, 2021 mit Marc-Andrea Hüsler und 2023 an der Seite des dreifachen Grand Slam-Gewinners Stan Wawrinka.
Beim Turnier in Klosters konnte sich Stricker im Juni bereits an die Höhe gewöhnen, in Gstaad reiste er eine Woche vor Turnierbeginn an, denn die Bälle fliegen hier schneller, weshalb die Spieler eine gewisse Angewöhnungszeit benötigen.
Die Tatsache, dass er in diesem Jahr bisher von Verletzungen verschont blieb, bedeutet für Stricker einen Segen. «Es hilft mir, dass ich wieder Vertrauen in meinen Körper gewonnen habe», sagt Stricker, der seinen Rücken immer wieder bei Fabian Seiler in Bern pflegen lässt.
Derzeit ohne Coach
Stricker hat auch in seinem Umfeld in den letzten Monaten einiges verändert und professionalisiert. Von Coach Dieter Kindlmann hat er sich getrennt, auch dessen Nachfolger Henri Laaksonen, der ehemalige Top-100-Spieler und Mannschaftskollege Strickers im Davis Cup, betreut ihn nicht mehr.
PERSÖNLICH
Dominic Stricker wurde am 16. August 2002 in Münsingen geboren. Er gewann 2020 im Einzel und Doppel das Junioren-Grand Slam-Turnier von Roland Garros. 2021 verbesserte er sich in der Weltrangliste um 922 Ränge, und stiess im ATP-Ranking bis auf Platz 88 vor. Bei den Next Gen ATP-Finals, wo die acht besten der unter 21-Jährigen teilnehmen, erreichte er zweimal (2022/23) den Halbfinal.
Am US Open stiess er 2023 bis in die Achtelfinals vor. In Gstaad gewann er zweimal die Doppelkonkurrenz (mit Marc-Andrea Hüsler und Stan Wawrinka). Fünf Siege an Challenger-Turnieren. Derzeit liegt er im ATP-Ranking auf Platz 343.
«Ich bin gegenwärtig ohne Coach unterwegs, Trainer von Swiss Tennis unterstützen mich und auch mit Davis Cup-Captain Severin Lüthi habe ich mich unterhalten, wie es weitergehen soll». Trainiert wird derzeit vor allem in Biel, im Leistungszentrum von Swiss Tennis, oder im Tennisclub Dählhölzli.
Bei Tennisspielern, die sich ausserhalb der Top 100 bewegen, sind auch die Finanzen ein Dauerthema. Das fehlende Preisgeld ist der Grund, dass Stricker derzeit ohne eigenen Physiotherapeuten unterwegs ist.
«Zum Glück werde ich von meinen Sponsoren unterstützt, denn allein mit den Preisgeldern käme ich nicht über die Runden.»
Was geht in Basel?
Nach dem Auftritt in Gstaad geht es für Stricker wieder zurück an kleinere Turniere. Nicht Wimbledon und auch nicht das US Open, sondern Turniere auf Challenger- oder Future-Niveau wird Stricker bestreiten.
«Ich gehe dorthin, wo ich mit meinem Ranking direkt im Tableau Aufnahme finde», sagt er. Und was läuft bei den Swiss Indoors in Basel? Basel-Insider zweifeln, ob Strickers Leistungsausweis ausreicht, um an diesem topbesetzten ATP-500-Turnier in den Genuss einer Wild Card zu kommen.
«Natürlich hoffe ich, auch dort berücksichtigt zu werden und mit einer Wild Card im Haupttableau Aufnahme zu finden, doch bisher habe ich nichts gehört», so Stricker. Der Weg zurück an die erweiterte Weltspitze ist in der Tat steinig, dornenvoll und hart.
Bei Stricker wird noch mancher Schweisstropfen über die Stirne fliessen müssen, ehe er dort ist, wo er sein will. Der designierte Federer-Nachfolger ist vorerst gestoppt worden.
INFO
Schweizer in den Top 100
Dominic Stricker ist der 13. Schweizer, der seit der Einführung des ATP-Rankings 1973 den Sprung in die Top 100 geschafft hat. Hier die Liste der Erfolgreichen (in Klammer beste Klassierung).
Roger Federer (1)
Stan Wawrinka (3)
Jakob Hlasek (7)
Marc Rosset (9)
Heinz Günthardt (22)
Claudio Mezzadri (26)
Michel Kratochvil (35)
Marc-Andrea Hüsler (47)
Marco Chiudinelli (52)
Roland Stadler (68)
George Bastl (71)
Henri Laaksonen (84)
Dominic Stricker (88)







