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1862 sind in der Felsenburg die ersten Wohnungen entstanden. Fotos: Daniel Zaugg
Wohnen in der Felsenburg am Klösterlistutz

Mitten in der Stadt und doch wie im Dorf

Wohnen im Schloss, in einer Loftwohnung, in einem Patrizierhaus – oder in einem ehemaligen Wehrturm, wie dem Untertorturm, besser bekannt als Felsenburg. Für die Familie Herrmann wurde der Traum wahr, sie lebt seit 18 Jahren in einer 5 ½-Zimmerwohnung in der Felsenburg. Für den WohnBär hat Esther Herrmann die Wohnungstür geöffnet.

Um es vorwegzunehmen: Die Idee, über nicht alltägliche Wohnformen und Gebäude zu berichten, gestaltete sich in der Umsetzung als äusserst schwierig. Zahlreiche Absagen zehrten an unserem Frustpotenzial. Für Herrn und Frau Schweizer ist ihre Privatsphäre heilig und sie teilen sie nur ungern (temporär) mit fremden Menschen. Vielfach ist auch die sprichwörtliche Schweizer Bescheidenheit im Spiel, man möchte nicht auffallen und anderen zeigen, was man hat und was einem gefällt. Nicht so bei Esther Herrmann, die mit ihrem Mann seit 2006 eine der insgesamt drei 5½-Zimmerwohnungen im ersten Stock in der Felsenburg bewohnt. Begeistert führt sie uns durch das sehr persönlich gestaltete Daheim. Herzlichen Dank, Esther Herrmann! Allerdings: Fotografieren lassen wollte sie sich dann doch nicht … Wir bedauern, aber respektieren ihren Entscheid.

Touristen auf der Nydegg­brücke
Esther Herrmann führt die Besuchenden an den langen Tisch mit Nussbaumplatte im geräumigen, hellen Esszimmer. Durch drei Sprossenfenster fällt der Blick auf die Untertorbrücke. Das anschliessende Erkerzimmer mit bequemer, moderner Sitzgruppe besticht durch die atemberaubende Rundsicht auf Altstadt, Aare, Nydegg- und Untertorbrücke sowie Nydeggkirche. Neugierige Blicke von Passanten lassen Esther Herrmann kalt: «Ich mag Leben um mich herum, schliesslich wohnen wir in der Stadt und nicht von der Umwelt abgeschottet. Das gehört zum Stadtleben», sagt sie bestimmt. Es störe sie auch nicht, wenn asiatische Touristen auf der entfernten, hohen Nydeggbrücke die Fotoapparate und Handys zückten, um Fotos zu schiessen, wenn sie sich auf der grossen Dachterrasse aufhalte, lacht sie.

Die Innenstadt musste es sein
Die begeisterte Stadtbewohnerin Esther Herrmann, aufgewachsen in Oberdiessbach, bezeichnet sich eigentlich als «Landei». Bereits in den 1980er-Jahren wohnte sie für kürzere Zeit in Bern, an der Thunstrasse. Die Heirat führte sie dann nach Enggistein, wo ihr Mann ein Holzbauunternehmen betreibt. «Ich wusste aber schon damals, dass ich irgendeinmal wieder in die Stadt zurückkehren werde», erinnert sie sich. Als die beiden Kinder aus der Schule kamen, setzten die Herrmanns den Wunsch 2006 in die Tat um. Die Familie hielt Rat und einigte sich auf die Innenstadt. Esther Herrmann bewarb sich zuerst um eine von der Burgergemeinde Bern ausgeschriebene 3½-Zimmerwohnung in der Kramgasse. Dazu Esther Herrmann: «Die Dame der Burgergemeinde wies mich auf die eher knappen Platzverhältnisse hin, für eine vierköpfige Familie grenzwertig. Ich zählte dann auf, was ich mir wünschte: Fünf Zimmer, hohe, helle Räume, Stuckaturdecke, Terrasse, Berner Parkett, Nähe Aare.» Die Immobilienbewirtschafterin bot ihr eine 5½-Zimmerwohnung in der Felsenburg an, worauf Esther Herrmann vor Freude erschrak: Sie kannte die Wohnungen in der Felsenburg, weil eine Freundin in den 80er-Jahren dort wohnte. Die Familie schaute sich die – inzwischen restaurierte – Wohnung im ersten Stock der Felsenburg an und wusste auf der Stelle: Das ist sie! Nach einem persönlichen Vorstellungsgespräch in den Büros der Burgergemeinde erhielten die Herrmanns den Mietvertrag ausgehändigt. Mit einer Bitte der Vermieterin: Es wäre schön, wenn die grosse Terrasse – eine der schönsten Berns – wieder mit Leben gefüllt würde, sie bleibe leider meist leer. Das musste man der Familie nicht zweimal sagen. Mit vielen Pflanzen und einem ausgeklügelten Sonnenschutz ist die Dachterrasse im Sommer eine grüne Oase und ein Hingucker – nicht nur für asiatische Touristen … «Wir schlafen in Tropennächten sogar manchmal auf der Terrasse», erzählt Esther Herrmann.

Kein Trennungsschmerz
Was braucht Esther Herrmann, um sich wohlzufühlen? Sie bezeichnet sich selber als Ästhetin und hat es gern «schön und alt.» «Ich gehöre nicht in einen Neubau!», lacht sie. Bei der Möblierung bevorzugt sie Fundstücke, aber nicht zwangsweise von einer Brocante. «Die Gegenstände finden mich», sagt sie und zeigt auf einen grossen, rostigen Nagel auf einer kleinen Kommode. Ihr Sohn, der vor einigen Jahren als lernender Zimmermann die grossen Bretter beim Schwellenmätteli auswechseln musste, brachte den Nagel heim, im Wissen darum, dass seine Mutter fast für alles eine Verwendung findet. «Irgendwann mache ich aus diesem Nagel etwas», erzählt die Liebhaberin alter Fundstücke. Unser Blick schweift auf ein Spiegel-Tablar im langen Korridor, welches mit altem Hotel-Silber bestückt ist. «Ja, auch eines meiner Vorlieben», lächelt sie.

Von einigen Möbeln und weiteren Gegenständen mussten sich die Herrmanns beim Umzug von Enggistein nach Bern trennen. «In unserem Haus in Enggistein hatten wir 240 m2, hier sind es etwa 135», weiss Esther Herrmann zu berichten. Sie unterscheide zwischen Dingen, derer sie nach einer gewissen Zeit überdrüssig werde, und Gegenständen, zu denen sie eine besondere Beziehung habe und sich nie davon trennen würde. Als Beispiel nennt sie den grossen Apothekerschrank mit vielen kleinen Schubladen. Im Laufe der Jahre in der Felsenburg sind neue Möbel dazugestossen, zum Beispiel der hohe Bartisch im Zimmer neben der Küche mit der praktischen Durchreiche. Diesen Tisch mit der Zwetschgenholzplatte hat Franz Herrmann selber hergestellt. «Wir sind oft mit Gästen hier und benützen den Tisch auch zum Essen», präzisiert Esther Herrmann. Gegenstände, wofür sie keine Verwendung mehr findet, bringt sie jeweils zum «Vide Grenier», dem Flohmarkt in der unteren Altstadt. «Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass jemand noch Freude an meinen Trouvaillen hat», erzählt sie. Die Wohnung präsentiere sich heute anders als beim Einzug vor 18 Jahren. «Ich stelle gerne um. Aber bei den meisten, vor allem grösseren Neuanschaffungen trennen wir uns gleichzeitig von etwas anderem. Wir wollen die Wohnung nicht überladen.» Tatsächlich, die Räume verströmen Licht und Luft, jeder noch so kleine Gegenstand findet liebevoll seinen Platz und erheischt Beachtung.

Problemloses Zusammenleben
In der Felsenburg leben und arbeiten insgesamt acht Parteien: Zwei Duplexwohnungen, ein Studio, ein Büro, ein Loft und drei 5½-Zimmerwohnungen. Das Alter der Felsenburg-Bewohnenden bewege sich zurzeit zwischen 35 und 65 Jahren, sagt Esther Herrmann. Sie ist überzeugt, dass der Zusammenhalt in der Felsenburg intensiver sei als beispielsweise in einem Mehrfamilien-Mietshaus einer Überbauung. Die Kontakte bewegten sich aber grossmehrheitlich auf bilateraler Ebene mit einzelnen Parteien. «Verordnete» Grillpartys für alle habe es bisher nie gegeben. «Als die Aare vor einigen Jahren Hochwasser führte und ein starkes Gewitter vorausgesagt wurde, boten wir dem Ehepaar der untersten Wohnung an, bei uns zu übernachten, was gerne angenommen wurde», schildert Esther Herrmann ein Beispiel von Nachbarschaftshilfe.

Wie sieht das Ehepaar Herrmann, dessen Kinder längst flügge geworden und ausgezogen sind, seine Zukunft zu zweit in der grossen Wohnung der Felsenburg? Esther Herrmann überlegt lange. «Wir möchten diesen nicht Ort verlassen. Und über das Alter haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Aber seit mein Mann und ich unsere Enkelin einmal die Woche hüten, kommt wieder junges Leben in die Bude!» 

PERSÖNLICH

Esther Herrmann, geboren 1962, wuchs in Oberdiessbach auf. Bis 1997 arbeitete sie als selbstständige Hebamme in ihrem erlernten Beruf. 2000 eröffnete sie in Worb die Kleiderboutique «evoilà Mode & Prosecco». Seit 2017 führt sie ihr Geschäft an der Kramgasse in Bern. Esther Herrmann ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt seit 2006 in der Felsenburg am Klösterlistutz 2.

DIE FELSENBURG – EINE BEWEGTE GESCHICHTE

Der Untertorturm, auch als Felsenburg bekannt, steht am Klösterlistutz 2 und 4.

  • Um 1260 wurde der Turm als Bestandteil der Stadt­verteidigung gebaut.
  • 1335 wird er erstmals urkundlich erwähnt.
  • 1583 wurde die Fassade stark verändert und der Turm verlor sein mittelalterliches Äusseres.
  • Bis etwa 1630 verlief die Strasse aus der Stadt durch das Tor neben dem Turm.
  • 1764 wurde der Turm erneut umgebaut und erhielt
    das noch heute sichtbare Zeltdach.
  • Später verlor er seine wehrtechnische Bedeutung.
  • 1862 wurde er in private Hände verkauft und zum Wohnhaus umgebaut.
  • Von 1999 bis 2001 wurde der Turm von der Besitzerin, der Burgergemeinde Bern, für über sechs Milliionen Franken aufwändig restauriert. Damit beauftragt wurden CampanileMichetti Architekten, Bern.
  • 2002 Auszeichnung mit dem Dr. Jost Hartmann-Preis: «Besonders hervorzuheben sind der sorgfältige Umgang mit der historischen Bausubstanz und die rücksichtsvollen, innovativen Ergänzungen.»

Vertiefende Infos: bernhard-furrer.ch

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