Das sagt die Fussbekleidung über Menschen aus

Bern,
Tausende von Schuhpaaren hat Claudio Bühlmann in den letzten Jahren gereinigt. Dabei erfährt er mehr über seine Kundschaft, als man vermuten würde.

Claudio Bühlmann hat in zehn Jahren rund 13’000 Paar Schuhe gereinigt. In seinem Gewölbekeller an der Berner Kreuzgasse bringt er Leder, Sneakers und Lieblingsstücke wieder zum Glänzen und erfährt dabei mehr über Menschen, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
«Als erstes schaue ich auf die Schuhe und dann auf die Fingernägel eines Menschen», sagt Claudio Bühlmann und schmunzelt. «Daraus lässt sich schon sehr viel über dessen Charakter sagen.»
Wenn einer weiss, wovon er spricht, dann er. In den letzten zehn Jahren hat der professionelle Schuhputzer rund 13’000 Paar Schuhe gereinigt. Von Politikern, CEOs, Managerinnen, längst Pensionierten bis hin zu 16-jährigen Sneakers-Trägern.
Was schliesst er denn aus der Art und Weise, wie Menschen ihre Schuhe pflegen? «Es ist nicht die teure Uhr am Handgelenk oder der Markenanzug, sondern gepflegte Schuhe, die darauf hindeuten, dass der Mensch geerdet und in seinem Leben verankert ist», konnte Bühlmann in den vielen Jahren seiner Tätigkeit beobachten.

Seit zehn Jahren setzt er berufsmässig voll aufs Schuhputzen. Weder liegt das in seiner familiären Vergangenheit noch war es jemals sein Traumjob. Wie so oft im Leben von Claudio Bühlmann führte Meister Zufall Regie.
Vom Zahlenjob zur Handarbeit
Zunächst aber begann seine berufliche Laufbahn mit einer KV-Lehre als Treuhänder, später wurde er Fachmann Justizvollzug, absolvierte eine Managementausbildung und wurde schliesslich Leiter Zentrale Dienste Finanzen in einer Verbandsorganisation.
«Aber dieser Zahlenjob, diese starren Prozesse – ich wusste schon damals, dass das niemals meine Erfüllung sein konnte.» Schon immer faszinierten ihn Hunde.
Weil er als Kind kein Tier halten durfte, erfüllte er sich diesen Wunsch erst später mit einem Rottweiler. «Eine Rasse, die zwar ein grosses Herz hat, aber eine fundierte Erziehung braucht. Deshalb gab mir der Züchter den Hund nur mit der Bedingung, dass ich mit ihm trainieren würde.»
Bühlmann tat es, mit viel Einsatz und Begeisterung. Als an seinem damaligen Arbeitsort, einer Strafanstalt, ein Diensthundeführer fehlte, kam man deshalb auf ihn zu.
Er bildete sich zusätzlich in diesem Bereich weiter und übernahm die Aufgabe parallel zu seinem eigentlichen Job. Auch hier mit viel Passion und gemeinsam mit einem deutschen Schäferhund.

Als er und seine Partnerin sich wegen ihrer städtischen Wohnumgebung später für einen Dackel entschieden, blieb die Leidenschaft für die Arbeit mit Hunden. Jagen kam für Bühlmann nicht infrage.
Weil er aber Trüffel liebt, lag bald auf der Hand, wofür die feine Spürnase seines Dackels eingesetzt werden sollte: für die Trüffelsuche. Heute gibt Bühlmann sein Wissen in Kursen auch an andere Hundehalterinnen und Hundehalter weiter.
Ein Paar Schuhe verändert alles
Im Jahr 2012 kaufte er sich, in den Ferien bei der Familie in Italien, ein Paar richtig teure, handgefertigte Schuhe. «Ich fand Schuhe schon immer faszinierend und deshalb wollte ich nun mal ein wirklich wunderschönes Paar, das bequem war und mich über lange Zeit begleiten sollte.»
Dass daraus eine Selbständigkeit und eine Berufung entstehen sollte, ahnte er damals natürlich nicht.
Erst ein paar Jahre später, als die Lieblingsschuhe arge Tragespuren aufwiesen und er mit den üblichen Schuhputzmitteln nichts mehr ausrichten konnte, machte er sich auf die Suche nach Produkten und Techniken, die seine liebste Fussbekleidung doch noch retten könnten.
Wie putzt man eigentlich einen Schuh korrekt, fragte er sich und machte sich auf die Suche nach Antworten.
«Während ich also meinen Lieblingsschuh zu neuem Leben erweckte, passierte etwas in mir: ich realisierte, dass ich den Kopf frei bekommen hatte, keine Sekunde ans Büro gedacht hatte und als ich schliesslich das Resultat in meinen Händen hielt, wusste ich: das will ich machen!»
Im Keller an der Kreuzgasse
Und nun sitze ich hier, im Keller der Berner Kreuzgasse 3, auf einem bequemen, dick gepolsterten ehemaligen Friseurstuhl. Umgeben von ordentlich aufgereihten Schuhen, die auf Reinigung warten, von Töpfchen, Bürsten, Crèmes und Wachs, beugt sich Claudio über meine Slingpumps.
«Zuerst bearbeiten wir sie mit einer weichen Bürste und bereiten sie auf die Crème und das Wachs vor», sagt er und streicht mit gekonnten Bewegungen über meine Schuhe. «Die Spitzen können etwas Farbe vertragen, voilà, lassen wir das kurz einziehen. Dann etwas nährende Crème – wichtig: Produkte ohne Silikon! Denn das Leder ist etwas trocken.» Zum Schluss gibt es noch etwas Glanz.
Und tatsächlich fühlt sich das Tragen dieser glänzenden Schuhe irgendwie besser an! Bühlmann teilt sich die Kellerräume mit dem Bekleidungsgeschäft Eniline, das hier unten sein Outlet und seine Näherei eingerichtet hat.
«Zuerst wurde ich zum Schuhputzer meiner Familie, dann meiner Freunde, dann des erweiterten Freundeskreises und so kamen immer mehr Menschen dazu», erzählt Bühlmann. 2016 beschloss er, ganz aufs Schuhputzen zu setzen.
Er besuchte bekannte Schuhputzer im Ausland, eignete sich Techniken an und vertiefte sein Wissen über Leder, Pflege und Materialien. «Das war natürlich nur möglich, weil meine Partnerin mich zu diesem Schritt ermunterte und unterstützte», ist er sich bewusst.
INFO
Swiss Shoe Care
Claudio Bühlmann pflegt und reinigt Damen- und Herrenschuhe, Sneakers und Lieblingsstücke aus verschiedenen Materialien.
Möglich sind einfache Schuhpflege, gründliche Aufbereitung, Sneaker Care sowie Schuhpflege-Abos.
Schuhe können an der Kreuzgasse 3 in Bern abgegeben oder per Post zugestellt werden.
Zudem bietet Bühlmann Schuhpflegekurse an und ist als Schuhputzer für Messen, Kongresse und Events buchbar.
Für Reparaturen arbeitet er mit einem spezialisierten Schuhmacher zusammen.
Von da an ging es schnell. Bühlmann machte sich einen Namen, wurde zu Events eingeladen – etwa ans SEF in Interlaken – und sein Kundenkreis wuchs stetig. Heute heisst sein Geschäft Swiss Shoe Care by Claudio Bühlmann.
Inzwischen werden ihm Schuhe aus der ganzen Schweiz, teilweise auch aus dem Ausland, zur professionellen Reinigung zugeschickt. «Je nachdem, ob sie Flecken haben oder wie stark sie beansprucht wurden, kann es schon bis zu zwei Stunden dauern, bis ich einen Schuh gereinigt habe», erklärt er.
Deshalb sei ihm wichtig, von Anfang an eine verlässliche Offerte zu machen. «Damit es keine bösen Überraschungen gibt.» Gerade bei liebgewonnenen Stücken sei die Freude über das Resultat die Investition wert.
Lieblingsstücke statt Wegwerfware
Nicht nur Lederschuhe erhalten bei Claudio Bühlmann ein neues Leben. Auch Sneakers und Stoffschuhe, Leder- und Barbourjacken sowie Taschen können gereinigt und aufgefrischt werden.
Und gerade jetzt besonders aktuell: Birkenstock-Schuhe: «Da muss man regelmässig die Innensohle reinigen, wenn man lange Freude daran haben möchte. Ohne störenden Geruch!», sagt Claudio Bühlmann mit einem Augenzwinkern.

Lassen Menschen in Zeiten von Fast Fashion und Wegwerfmentalität überhaupt noch Schuhe putzen? «Sogar immer mehr», sagt Bühlmann. «Zurzeit erleben hochwertige Schuhe, in denen die Füsse bequem und gut aufgehoben sind, ein richtiges Revival.»
Für solche Schuhe seien die Menschen auch wieder bereit, etwas mehr zu bezahlen. «Und dazu gehört später eben auch die professionelle Pflege.» Für Reparaturen arbeitet Bühlmann mit einem befreundeten Schuhmacher zusammen.
Er selbst will beim Putzen bleiben. Selbständig zu sein, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und mit ebendiesen Händen etwas Schönes zu schaffen, das sei seine grösste Motivation.
«Gerade kürzlich habe ich auf dem Waisenhausplatz einen sehr gut gekleideten Mann gesehen. Aber seine Schuhe waren total ungepflegt und machten den ganzen Look kaputt. Ich konnte es mir nicht verkneifen und gab ihm mein Visitenkärtli.»
Tatsächlich sei der Mann später vorbeigekommen und habe über das Resultat gestaunt.
Glanz mit Seelsorge-Effekt
Bühlmann liebt es, mit so vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen. Manchmal erfährt er dabei viel. Auch Trauriges.
«Das behalte ich natürlich für mich», sagt er. Umso mehr freute er sich, als kürzlich ein Kunde auf der Treppe stehen blieb und rief: «Ah, Claudio! In nur einer halben Stunde glänzen meine Schuhe wieder wie neu und du bist erst noch viel günstiger als ein Psychiater!»
Claudio Bühlmann lacht. Dann schaut er noch einmal prüfend auf die Schuhe vor sich. Denn für ihn sind sie nie nur Leder, Sohlen und Nähte. Sie erzählen immer auch ein Stück vom Menschen, der darin durchs Leben geht.












