Stadt Bern

«Lächeln, wenn man Essen aufs Feuer gibt – dann wird es richtig gut»

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Bern,

Feuer, Rauch und regionale Zutaten prägen die Küche von chillfood. Im Mittelpunkt steht gemeinsames Kochen ohne Eile – mit Zeit als wichtigster Zutat.

Monika Di Muro und Chris Bay
Monika Di Muro und Chris Bay wollen mit ihren Kursen eine Rückkehr zum Wesentlichen: Gelernt wird hier, wie man über offenem Feuer röstet, schmort, dämpft, bäckt und räuchert. - Daniel Zaugg

Bei chillfood ist Feuerkochen mehr als Grillieren. Nebst Glut, Rauch und Hitze zählen Wertschätzung und Zeit. Dahinter steht ein klarer Anspruch: gute Zutaten, möglichst regional und bio, wenig Abfall und Rezepte für zu Hause. Der BärnerBär war beim Baskischen Abend dabei.

Die füüri, in der ehemaligen Brauerei Gassner an der Aare, gleicht nicht wirklich einer Küche. Und ist genau deshalb der perfekte Ort: alte Mauern, viel Luft, Feuerstellen auf dem Areal verteilt.

Monika Di Muro und Chris Bay verstehen ihre Kurse als Rückkehr zum Wesentlichen: weg von exakten Kerntemperaturen, hin zu Handwerk und Gefühl. Gelernt wird, wie man über offenem Feuer röstet, schmort, dämpft, bäckt, räuchert.

Und man merkt schnell: Mit einem grossen Stück Fleisch über der Glut ist es nicht getan. Auch Fisch, Hülsenfrüchte und Gemüse haben ihren Auftritt.

«Gute Menschen haben gute Produkte»

In den «Feuerkoch-Grundsätzen» schreibt chillfood, dass frische, beste Zutaten verwendet werden, wenn möglich bio und aus der Schweiz. Convenience-Produkte, E-Nummern und Geschmacksverstärker haben keinen Platz. Kurze Wege, persönliche Lieferantenkontakte, Schweizer Fleisch aus tiergerechter Haltung; Plastik sieht man kaum.

Vieles kaufen Monika und Chris auf dem Markt. «Der Markt ist die Basis von allem», sagt Chris Bay. Und dann der Satz, der wie ein Grundsatz klingt: «Gute Menschen haben gute Produkte.»

Der Markt war auch Basis ihrer Liebesgeschichte, denn Monika und Chris haben sich auf dem Markt in Solothurn kennengelernt. Sie verkaufte jeden Samstag dort Oliven, er füllte jeweils seinen Kühlschrank damit.

Bei chillfood wird über offenem Feuer mit regionalen und möglichst biologischen Zutaten gekocht.
Bei chillfood wird über offenem Feuer mit regionalen und möglichst biologischen Zutaten gekocht. - Daniel Zaugg

Nicht unbedingt, weil er die Früchte des Ölbaums so unglaublich gerne mag, sondern eher diejenige, die sie ihm verkauft hatte. Sie wiederum wunderte sich anfangs ein wenig über diesen Typen, der von jeder Sorte nur ein paar Stück kaufte und damit gefühlt ewig lange vor dem Stand blieb und die anderen Leute warten liess.

Irgendwann nahm er all seinen Mut zusammen und lud sie auf einen Kaffee ein. Seither sind sie unzertrennlich. «1 + 1 ergibt bei uns 3», sagen die beiden heute über ihre Beziehung.

Kochen verbindet Menschen

Schnell merkten sie, dass sie beide gerne kochen, grosse Tische lieben und nochmals etwas anderes machen wollten. Gekocht hatte Chris Bay eigentlich schon immer. «Seit ich drei Jahre alt bin», sagt er und lächelt.

«Bei meiner Grossmutter in der Küche hab ich quasi meine Kindheit und Jugend verbracht!» Auch Monika Di Muro kochte stets mit Leidenschaft; dabei habe sie gemerkt, wie viel Freude Kochen den Menschen bringe.

Zunächst gingen die beiden auf Stör kochen, am liebsten an ungewöhnlichen Orten. Weil man dort nicht auf Küche, Steckdosen und Infrastruktur zählen kann, mussten sie unabhängig werden.

Kochst du gerne?

Und so kamen sie zurück an den Ursprung. Zum Feuer. Chris Bay beschreibt Feuerkochen nicht als gewöhnliches Grillieren, sondern als ursprüngliche, gemeinschaftliche und sinnliche Art des Kochens.

An diesem Abend haben sich rund 20 Personen angemeldet. Das Thema: baskische Küche, zwischen Meer und Bergen. Immer drei bis vier Personen gruppieren sich um ein Gericht, rüsten, schneiden, würzen, tragen Pfannen zur Glut, schauen, warten. Wer fertig ist, läutet mit der Glocke. Dann kommen alle zum Probieren.

Wichtige Zutat: Zeit!

Es gibt rauchgeröstetes Brot, Chorizo im Cidre, Tortilla vasca, Pulpo, gedämpften Lauch und Orangencreme vom Feuer. Alles wirkt einfach, aber nichts ist beliebig.

Man steht dabei, rührt, schaut in die Glut und begreift: Zeit ist hier keine Nebensache. Sie ist eine Zutat. Bei chillfood gehe es nicht um «Gar-Sekunden» oder exakt berechnete Kerntemperaturen, sagt Chris Bay, sondern um die alte, gefühlvolle Handfertigkeit im Umgang mit Feuer und Glut.

Gemeinsames Kochen
Beim Feuerkochen setzt man auf Handwerk, Gefühl und gemeinsames Arbeiten statt auf exakte Garzeiten. - Daniel Zaugg

Wichtig sei auch, den Leuten das Gefühl zu geben, dass sie unperfekt sein dürfen. «Denn es gibt nicht den einen Weg. Feuer ist nie gleich. Holz ist immer wieder anders. Die Hitze ebenfalls und auch der Wind wechselt. Man muss hinschauen, spüren, reagieren.»

Hier ist alles echt

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ihre Kurse seit Corona noch mehr Zuspruch erhalten. Viele Menschen seien auf der Suche nach dem Echten, sagt Monika Di Muro. Nach etwas, das nicht nur auf einem Bildschirm passiert. Nach einem Gegenpol zur Scheinwelt auf Instagram.

«Hier ist nichts glattgebügelt. Hier ist es echt, es riecht nach Rauch, nach Holz, nach Essen. Man erschafft mit den eigenen Händen etwas, das anderen zugutekommt.»

Auch wenn man kein Koch ist und nicht alles perfekt wird. «Nicht kritisieren, was nicht ist, sondern Freude haben an dem, was ist», umschreibt es Monika. Und Chris Bay mahnt in die Runde: «Immer lächeln, wenn ihr Essen aufs Feuer gebt – nur dann wird es richtig gut!»

Für Monika Di Muro ist Essen ohnehin «das Sinnlichste, was es gibt». Geschmack, Wärme, Geruch, Nähe, Berührung: Alles komme darin zusammen. Zusammen kochen bedeute Glück, Gemeinschaft, gute Gespräche.

Kochen
Kochen entsteht als gemeinsames Erlebnis rund um Glut, Rauch und echte Produkte. - Daniel Zaugg

Tatsächlich ist man längst Teil einer kleinen Feuerküchen-Gemeinschaft geworden. Drei Männer aus einem «Grillgrüppli» erzählen, sie hätten viele Ideen mitgenommen.

Das grosse Stück Fleisch so klein zu schneiden, habe Überwindung gekostet. Gelohnt habe es sich trotzdem: «Extrem fein und ganz anders, überraschend im Geschmack!»

Reisen, kochen, lernen, weitergeben

Das Brennmaterial stammt aus dem Berner Forst und wird von Stellensuchenden geholzt. Feuerkochen ist hier nicht Kulisse, sondern Grundlage. Seit 2014 setzen die beiden ganz auf die Feuerküche.

«Chris ist der Schlaue», sagt Monika lachend, «ich bin die, die gerne organisiert, die Macherin.» Entstanden ist eine Welt mit Feuerkochkursen, Feuerschalenbacken, Fingerfood vom Feuer, türkischer Feuerküche, Kreta-Kursen und Feuerbrunch.

Genuss auf dem Gaumen, Rauch in den Kleidern

Später, als die Glocke wieder läutet, ist es dunkel geworden an der Aare. Die Glut leuchtet, jemand schenkt nach, jemand bricht Fladenbrot ab, jemand will eben Probiertes zu Hause nachkochen. Genau das passiert, wenn Menschen um ein Feuer stehen, gemeinsam warten, kochen, essen.

Gemeinsames Kochen
Im Zentrum des Kochens stehen Zeit, Wertschätzung und der bewusste Umgang mit Lebensmitteln. - Daniel Zaugg

Rauch in den Kleidern, Wärme im Gesicht, Genuss auf dem Gaumen, Zeit in den Händen. Und die füüri, die am Anfang nicht wie eine Küche aussah, ist am Ende genau das geworden. Vielleicht die ursprünglichste von allen.

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