Theater Ballenberg: Schauspieler Bill und Stalder im BärnerBär-Inti

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Interlaken-Oberhasli,

«Akte Zybach – Ein Grimseldrama» bringt einen Betrugsfall auf die Bühne. Die Schauspieler Daniel Bill und Reto Stalder im Gespräch mit dem BärnerBär.

Die beiden Schauspieler Daniel Bill (l.) und Reto Stalder stehen als Peter Zybach und Karl-Wilhelm Brandmeier im Stück «Akte Zybach» gemeinsam auf der Bühne.
Die beiden Schauspieler Daniel Bill (l.) und Reto Stalder stehen als Peter Zybach und Karl-Wilhelm Brandmeier im Stück «Akte Zybach» gemeinsam auf der Bühne. - Markus Flück

Daniel Bill und Reto Stalder stehen im Stück «Akte Zybach – Ein Grimseldrama» gemeinsam auf der Bühne. Ein Gespräch über Erfolg, Ehrgeiz, Abgründe und einen Schweizer Betrugsfall, der erstaunlich gegenwärtig wirkt.

Die beiden bekannten Schauspieler verbindet nicht nur ihr Beruf. Auch ein Dorf, eine Schule und eine gewisse Lehrerin: Ruth Plüss aus Jegenstorf, für beide bis heute «Fräulein Plüss», bei der sie in die Primarschule gingen – wenn auch mit gut zwanzig Jahren Abstand.

Entdeckt haben sie das beim ersten gemeinsamen Dreh am Set der SRF-Krimiserie «Der Bestatter». Seither sind sie Freunde. Nun stehen sie beim Freilichtspektakel auf dem Ballenberg erneut gemeinsam auf der Bühne.

Daniel Bill und Reto Stalder
Die beiden bekannten Schauspieler verbindet nicht nur ihr Beruf. - Markus Flück

BärnerBär: Erinnert sich Ruth Plüss denn noch an Sie beide?

Daniel Bill: Ja, das tut sie! Sie hat sich sogar schon einmal eine gemeinsame Produktion von uns in Zürich angeschaut.

Reto Stalder: Und erst vor Kurzem erzählte sie meiner Mutter, als die beiden sich zufällig im Dorf trafen, dass sie bereits ein Ticket für das Ballenberg-Theater habe. Das freut uns natürlich sehr!

BärnerBär: Hilft es beim Spielen, wenn man sich privat kennt und mag?

Stalder: Ja, ich finde schon. Man weiss, wie der andere tickt, kennt seinen Humor. Unsere Figuren sind zunächst ebenfalls befreundet. Ich spiele Karl-Wilhelm Brandmeier, einen deutschen Stahlunternehmer und Visionär seiner Zeit, der Zybach bewundert.

Als sein Gast erlebt Brandmeier, wie Zybach immer stärker unter Druck gerät. Ich versuche, ihn wachzurütteln. Aber die Freundschaft bröckelt, weil er Dinge tut, die ich nicht mehr gutheissen kann.

BärnerBär: Sie tauchen für Rollen gerne tief in fremde Welten ein. Was hat Ihnen die Vorbereitung auf Ihre Ballenberg-Rolle eröffnet?

Stalder: Stimmt, für eine frühere Rolle habe ich mich mal so tief ins Banking eingearbeitet, dass daraus sogar eine Ausbildung zum Finanzberater und Finanzplaner wurde! Wenn mich ein Thema packt, dann richtig.

Für die Ballenberg-Rolle habe ich mich intensiv mit der Zeit um 1850, Industrialisierung und Schienenbau beschäftigt. Diese Aufbruchsstimmung, aber auch das Risiko dahinter, haben mich fasziniert.

Hast du schon einmal ein Stück des Landschaftstheaters Ballenberg gesehen?

Solche Recherchen helfen mir, nicht nur eine Figur zu spielen, sondern ihre Welt zu verstehen. Genau das liebe ich am Theater: in fremde Welten eintauchen, ohne gleich selbst ein Stahlunternehmen zu gründen!

BärnerBär: Peter Zybach war Touristiker, Aufsteiger – und Betrüger. Faszinierend oder abstossend?

Bill: Für mich ist er absolut faszinierend. Ein Held mit Abgrund. Er hat für die Schweiz enorm viel geleistet, hatte visionäre Ideen und war über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Natürlich ist Betrug nie zu rechtfertigen. Aber je länger ich mich mit ihm beschäftige, desto grösser wird mein Verständnis für diesen Menschen und seine Situation.

BärnerBär: Was ist gefährlicher: Erfolg oder verletzter Stolz?

Bill: Beides kann gefährlich werden. Wenn man sich eine Position erarbeitet hat und nicht zugeben will, dass man es nicht mehr im Griff hat, wird die Versuchung gross, unerlaubte Wege zu gehen, nur um sich keine Blösse geben zu müssen. Verletzter Stolz ist dabei ein sehr starker Antrieb.

Ballenberg
Das Theaterstück ist in der imposanten Landschaft des Ballenbergs inszeniert und erzählt vom Aufstieg und Fall des legendären Grimsel-Wirts Peter Zybach. - Markus Flück

BärnerBär: Ab wann kippt Ehrgeiz in Gier?

Stalder: Im Stück gibt es mehrere solche Momente. Besonders stark finde ich eine Szene in der Gaststube: Zybach stellt eine Angestellte vor allen Gästen heftig zur Rede, weil sie offenbar etwas gestohlen haben soll.

Danach suche ich das Gespräch mit ihm und rate ihm, sich mehr um seine Angestellten und seine Familie zu kümmern. Es gehe eben nicht nur um Gewinn, sondern auch darum, das Glück nicht zu verlieren, findet Brandmeier.

BärnerBär: Wie viel Gegenwart steckt in diesem Grimsel-Drama?

Bill: Sehr viel. Die Geschichte ist hochaktuell, weil sie menschlich ist. Jemand steigt ganz nach oben, investiert alles, wird berühmt. Und wenn plötzlich der Fall droht, ist einem jedes Mittel recht, diesen zu verhindern.

Als Zybach die Pacht entzogen wird, verliert er den Boden unter den Füssen. Seine Reaktion darauf könnte auch heute noch so stattfinden.

Stalder: Zeitlos ist auch dieses Zurückblicken: Was wäre gewesen, wenn ich anders entschieden hätte? Eine andere Ausbildung, eine andere Liebe, ein anderer Weg? Solche Fragen kennt jeder Mensch.

BärnerBär: Daniel Bill, half Ihnen Ihre eigene schwere Zeit der Scheidung für diese Rolle?

Bill: Auf jeden Fall. Wenn plötzlich etwas zerbricht, wofür das Herz geschlagen hat, ist das schmerzhaft und wirkt im ersten Moment ausweglos. Dass man unter solchem Druck auf die schiefe Bahn geraten kann, liegt nahe. Therapie war die Rolle zwar nicht gerade, aber die Erfahrung half mir, mich noch besser in Zybach einzufühlen.

BärnerBär: Was ist schweizerischer: der Betrug oder die Empörung darüber?

Stalder: Sich über das Fehlverhalten anderer zu echauffieren, lautstark und am liebsten dann, wenn viele mitmachen, das ist schon ziemlich schweizerisch.

Daniel Bill
Daniel Bill: «Therapie war die Rolle zwar nicht gerade, aber die Erfahrung half mir, mich noch besser in Zybach einzufühlen.» - Markus Flück

Bill: Neid und Missgunst gegenüber sehr erfolgreichen Menschen sind hier noch immer verbreitet. Genauso wie die kollektive Empörung, wenn jemand einen Fehler begeht. Am Ende ist das aber nicht nur schweizerisch, sondern vor allem menschlich.

BärnerBär: Sie spielen mitten in der Landschaft. Hilft die Natur oder stiehlt sie die Show?

Bill: Freilichttheater ist grossartig, weil alle Sinne bedient werden. Man riecht den Brand, spürt die Natur, hört die Vögel. Ein Unwetter bringt Dramatik, ein Sonnenuntergang Romantik. Für uns braucht es zwar mehr Einsatz: mal Wärmeunterwäsche, mal Schweiss im Anzug. Aber ich liebe es, weil jede Vorstellung anders ist.

Stalder: Gut, es gibt definitiv Schöneres, als bei strömendem Regen zu spielen! Aber manchmal zaubert die Natur atemberaubende Stimmungen, wie sie kein technischer Effekt je erreichen kann.

BärnerBär: Neben Profis stehen über 25 Laienschauspielende aus der Region auf der Bühne. Was bringen sie mit?

Bill: Sehr viel Ehrlichkeit. Viele sind mit der Region verwurzelt, kennen gar die Geschichte aus Erzählungen ihrer Gross- und Urgrosseltern. Sie bringen Glaubwürdigkeit, Einsatz und Hingabe mit. Dafür absolut keine Allüren. Da könnte sich mancher Profi etwas abschneiden.

BärnerBär: Warum sollten BärnerBär-Lesende nach Brienz kommen?

Stalder: Wegen der grossen Bilder. Es ist ein Ensemblestück mit vielen starken Figuren. Dazu kommen über 100 Kostüme, Tiere, Feuer und diese unglaubliche Bergkulisse. Und eine Geschichte, deren Thema noch immer aktuell ist.

Bill: Wenn man den Theaterbesuch mit einem Tag auf dem Ballenberg verbindet, wird daraus ein richtiges Berner Oberland-Erlebnis. Am Abend wird man in eine andere Zeit entführt, erlebt grosse Gefühle, Romantik, Verrat und darf auch schmunzeln. Ich würde aber empfehlen, ein Nastüechli mitzunehmen!

Und wenn Ruth Plüss dann im Publikum sitzt, schliesst sich für sie ein schöner Kreis: von Jegenstorf auf den Ballenberg, vom Schulzimmer auf die Freilichtbühne. Aus zwei Buben von damals sind Schauspieler geworden, die heute ein ganzes Publikum mitreissen: in eine Geschichte von Aufstieg, Fall und grossen Gefühlen.

LANDSCHAFTSTHEATER BALLENBERG 2026

«Akte Zybach – Ein Grimseldrama»

Die bekannten Schauspieler Daniel Bill und Reto Stalder sowie über 25 Laienschauspielende wirken vom 1. Juli bis 15. August beim Landschaftstheater Ballenberg mit. Das Theaterstück erzählt vom ersten Versicherungsbetrug der Schweiz und basiert auf wahren Begebenheiten. Regisseur Simon Burkhalter bringt den spektakulären Fall bildstark und schwungvoll auf den Ballenberg.

Vom 1. Juli bis 15. August 2026, jeweils Mittwoch bis Samstag.

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