«Tradition muss sich öffnen und weiterentwickeln»

In der Serie «Gelebtes Brauchtum» geht es diesmal um Elisabeth Beutler aus dem Simmental. Mit ihren Scherenschnitten verbindet sie Tradition und Gegenwart.

Mit ruhiger Hand, scharfer Schere und einem sicheren Blick für kleinste Details erschafft Elisabeth Beutler im Simmental filigrane Bilderwelten. Ihre Scherenschnitte erzählen von Familien, Landschaften und besonderen Lebensmomenten. Traditionsbewusst, aber dennoch aktuell.
Schnitt für Schnitt wird in Elisabeth Beutlers Händen aus einem schwarzen Stück Papier ein feines Kunstwerk. Hochpräzis bis ins kleinste Detail zeigen ihre Scherenschnitte Szenen aus dem Leben.
Häufig sind es ländliche Motive: Blumen, Berge, Kühe und Bauernhäuser. Doch längst nicht nur. «Auch neue Sujets wie Skifahrer, Biker oder Gondeln finden Eingang in meine Werke», sagt die Künstlerin mit einem Schmunzeln.
«Tradition muss sich öffnen und weiterentwickeln, damit sie lebendig bleibt.» Sogar Kängurus hat sie schon ausgeschnitten, als Erinnerung an die Hochzeitsreise eines Paares nach Australien.

Oft vereint ein einziges Bild zahlreiche kleine Szenen, die gemeinsam eine ganze Lebensgeschichte erzählen. Solche Lebensläufe würden besonders gerne zu runden Geburtstagen verschenkt, erzählt Beutler.
Auch zu Hochzeiten, Taufen oder Firmenjubiläen entstehen persönliche Einzelstücke. Am Anfang steht stets ein Gespräch.
Die Kundinnen und Kunden erzählen, welche Menschen, Tiere, Gebäude, Hobbys und Erlebnisse auf dem Bild Platz finden sollen. Daraus fertigt Beutler eine erste Skizze an.
Ist diese stimmig, folgt die exakte Zeichnung. Erst danach setzt sie die Schere an. Für ein kleines Bild von etwa 18 Zentimetern Durchmesser arbeitet sie gut und gerne 15 Stunden.
Bei grösseren Werken kommen rasch 20 bis 30 Stunden zusammen. Ihr bisher grösster Scherenschnitt mass ungefähr 50 mal 70 Zentimeter. «Dafür brauchte ich gegen 50 Stunden.»
Liebe auf den ersten Schnitt
Obwohl der traditionelle Scherenschnitt tatsächlich seinen schweizerischen Ursprung in Saanen hat, kam Elisabeth Beutler nicht etwa schon als Kind, sondern erst später, während ihrer Ausbildung an der Kunstgewerbeschule, mit diesem in Kontakt.
Mehr als 40 Jahre ist es her, seit sie dort erstmals mit der Scherenschnitt-Technik in Berührung kam. «Ich war sofort fasziniert davon, was sich nur mit Bleistift, Schere und einem Stück Papier erschaffen lässt. Es war tatsächlich Liebe auf den ersten Schnitt», sagt sie lachend.
Die ausgebildete Fotolaborantin besuchte später mehrere Workshops bei erfahrenen Scherenschnittkünstlern und blieb dem schwarzen Papier bis heute treu. Je nach Lebenssituation habe sie sich ihrer Passion mal intensiver, mal etwas weniger gewidmet.

Ganz beiseitelegen wollte sie sie jedoch nie. «Zum Glück», fügt sie lachend an, «musste ich davon nicht leben können!» Denn der Aufwand sei gross, reich werde man damit hingegen nicht.
Darum gehe es ihr auch gar nicht. «Ich bin eine Perfektionistin und liebe exakte Details», sagt sie und beugt sich über ein beinahe fertiges Werk.
Nur noch einige Blumen am unteren Rand müssen ausgeschnitten werden. Millimeter für Millimeter durchtrennt die feine Schere das Papier.
Dabei muss alles miteinander verbunden bleiben. «Die Fahne hier, die der Bauer in die Höhe schwingt, muss zum Beispiel oben an der Bergkante anhaften», erklärt sie.
Solche Verbindungen müssen bereits beim Zeichnen mitgedacht werden. Ihre Werke sind meist symmetrisch aufgebaut.
Sollen auf beiden Seiten unterschiedliche Sujets erscheinen, schneidet sie diese zunächst einzeln aus und faltet das Papier erst danach zusammen. Die offenen Ränder werden sorgfältig zusammengeklebt, damit beim Schneiden absolut nichts verrutscht.
Kurzer Exkurs: die Geschichte des Scherenschnitts
Die Kunst des Papierschneidens entstand vor rund 2000 Jahren in China. Über Indonesien, Persien und den Balkan gelangte die Kunst des Scherenschnitts durch Kriegsgefangene erst viele Jahrhunderte später nach Mitteleuropa.

Die frühesten europäischen Arbeiten werden dem 15. oder 16. Jahrhundert zugeordnet. Damals waren es vor allem Frauen aus der Oberschicht und Nonnen in Klöstern, die sich dieser Kunst widmeten.
Sie schnitten Porträts und religiöse Motive, gestalteten aber auch Liebes- und Freundschaftsbriefe. Jener Scherenschnitt, der heute als typisch schweizerisch gilt, entstand erst Mitte des 19. Jahrhunderts.
Als sein Wegbereiter gilt der 1809 geborene Johann Jakob Hauswirth. Der Taglöhner entdeckte den Scherenschnitt in Deutschland und begann später im Simmental erstmals Alpaufzüge aus schwarzem und farbigem Papier zu schneiden.
«Hauswirth war ein grosser Mann mit kräftigen, groben Händen. Weil seine Finger nicht durch die kleinen Öffnungen der Schere passten, band er sie mit Draht daran fest», erzählt Elisabeth Beutler.
Seine Arbeiten seien deshalb noch weniger filigran als spätere Scherenschnitte, beeindruckten aber dennoch durch ihre Ausdruckskraft und ihren Detailreichtum. «Hauswirth schnitt eigentlich aus der Not heraus und tauschte seine Werke gegen Essen oder eine Unterkunft ein.»
Damit begründete Hauswirth eine Tradition, die bis heute fortlebt und später von Louis David Saugy weitergeführt wurde. Saugy kam 1871 bei Château-d’Œx zur Welt.
Schon früh erkannte seine Mutter, eine Lehrerin, sein Talent für den Scherenschnitt. «Sie ermutigte ihn, sich in seiner Freizeit dieser Kunst zu widmen, und bewahrte ihn damit nicht selten davor, auf dem väterlichen Bauernhof mithelfen zu müssen», sagt Beutler mit einem Schmunzeln.
Zunächst hatte Saugy dennoch eine Ausbildung zum Zimmermann absolviert. Mit 32 Jahren trat er eine Stelle als Briefträger in Rougemont an.

Auf seinen Zustelltouren erhielt er Einblick in zahlreiche Chalets, an deren Wänden Scherenschnitte von Johann Jakob Hauswirth hingen. Diese Begegnungen prägten ihn nachhaltig und bestärkten ihn in seiner eigenen Leidenschaft für das Scherenschneiden.
Erst im Alter von 40 Jahren getraute er sich aber, seine Werke zum Verkauf anzubieten. Der Erfolg stellte sich rasch ein: Er stellte unter anderem in Genf aus und wurde bald über die Grenzen des Pays-d’Enhaut hinaus bekannt.
In seinem Haus empfing er später zahlreiche prominente Gäste. Seine Bilder zeigen bäuerliche Alltagsszenen in fein gegliederten, symmetrischen Kompositionen.
Ganz bei Schere und Papier
An diese Bildsprache knüpft auch Elisabeth Beutler an, ohne sich von ihr einengen zu lassen. Mit ruhigen Händen und geübten Bewegungen schneidet sie nun die zusammengeklebten Ränder ihres soeben fertiggestellten Werkes weg.
Vorsichtig öffnet sie das gefaltete Papier. Noch muss hier ein Grashalm gelöst, dort eine Hutfeder gerichtet werden. Dann liegt der fertige Scherenschnitt vor uns.
Er erzählt die Geschichte einer Familie rund um ein bäuerliches Haus, das detailgetreu in der Mitte des Bildes thront. Rundherum gruppieren sich zahlreiche Szenen aus dem Leben seiner Bewohnerinnen und Bewohner.
Besonders auffällig sind die Berner Sennenhunde; sie spielen im Alltag dieser Familie offenbar eine wichtige Rolle. Das kleine Atelier im Haus von Elisabeth Beutler und ihrer Familie liegt mitten im idyllischen Simmental.
Die Natur direkt vor der Haustür inspiriere sie immer wieder. Wenn sie hier zwischen ihren Bildern arbeite, sei sie dennoch weit weg vom Alltag.
Dann lebe sie ganz in der Welt des Scherenschnitts. «Für mich ist das wie Meditation.» Rund eineinhalb Stunden am Stück arbeitet sie jeweils konzentriert mit der Schere.
Danach macht sie einige Dehnungsübungen oder widmet sich einer Zeichnung, bevor sie erneut zu schneiden beginnt. «Währenddessen nehme ich kein Telefon entgegen und schaue nicht auf meine Mails. Ich bin ganz bei meiner Schere, dem Papier und mitten in der Geschichte, die hier entsteht.»
Auch das Scherenschnitt-Papier ist sorgfältig gewählt. Es wird in der Schweiz nach traditionellem Verfahren hergestellt und ist auf der einen Seite schwarz, auf der anderen weiss.
So können die Motive auf der hellen Rückseite vorgezeichnet werden. Das Schwarz sei lichtecht und verändere sich über die Jahre nicht.
Zudem sei es so beschaffen, dass es sich leicht schneiden lasse, aber nur schwer reisse. Ebenso wichtig ist natürlich das Werkzeug: Die kleinen Scheren werden so präzise und unter dem Mikroskop geschliffen, dass sie bis in die äusserste Spitze sauber schneiden, ohne das Papier zu knicken.
Fällt eine solche Schere zu Boden oder wird für ein anderes Material verwendet, kann sie für die filigrane Arbeit bereits unbrauchbar sein.
Jedes Werk ein Unikat
Nach dem Schneiden wird das Bild in einen Rahmen aus Altholz gesetzt. Ein Schreiner aus der Region fertigt jeden davon einzeln an.
Dadurch gleicht kein Rahmen dem anderen und jedes Werk bleibt auch in seiner Präsentation ein Unikat. Neben grossen Scherenschnitten gestaltet Elisabeth Beutler auch Karten.
INFO
Kulturerbe zum Selberschneiden
Seit 2009 steht der chinesische Scherenschnitt auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Auch im Simmental wird die traditionsreiche Kunst bis heute gepflegt und weitergegeben. Elisabeth Beutler bietet im Berghaus Iffigenalp rund zweistündige Scherenschnitt-Workshops an. Unter ihrer Anleitung gestalten die Teilnehmenden ein eigenes Werk, das sie gerahmt mit nach Hause nehmen können.
Die Kurse finden auf Anfrage für zwei bis vier Personen ab zwölf Jahren statt und kosten 55 Franken pro Person. Zudem bietet Beutler rund zweistündige Vorträge für Gruppen ab vier Personen sowie ganzjährig Besuche in ihrem Atelier in St. Stephan an.
Termine und Anmeldung:
Direkt bei Elisabeth Beutler unter 079 509 57 36.
Ihre Arbeiten verkauft sie unter anderem an Märkten und Älplerfesten sowie über regionale Verkaufsstellen wie das Heimatwerk Saanen und Simmental Tourismus.
Die Motive sind jedoch nicht nur bei Einheimischen und Touristen beliebt: Immer wieder erhält Beutler Bestellungen aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland.
Auch im Bundeshaus sind ihre Scherenschnitte als repräsentative Geschenke bei Staatsbesuchen gefragt. Gut möglich also, dass bei manch einem Staatsmann irgendwo in der weiten Welt ein Werk von Elisabeth Beutler aus dem Simmental hängt.
Dort beugt sich die Künstlerin bereits wieder über ein schwarzes Blatt Papier. Mit präzisen Schnitten entsteht so das nächste Werk und erzählt seine ganz individuelle, einzigartige Geschichte.
INFO
Serie: Gelebtes Brauchtum
Der BärnerBär wandelt auf den Spuren von verschiedenen Berner Traditionen und besucht Menschen, die sich aktiv damit beschäftigen.
Weiteres aus dieser Serie: Sattlerei Blaser in Wasen, Reist Örgeli AG in Wasen, Alphornmacherei Bachmann und Trachtenschneiderei Gantrisch.












