Stv. Marzili-Anlagechefin: «Manchmal wird man auch angepöbelt»

Yves Schott
Yves Schott

Bern,

Im Marzili ist Halbzeit der Badesaison. Die stellvertretende Anlagechefin Sylvie Schönbauer erzählt im Interview von den grössten Herausforderungen.

Sylvie Schönbauer, stellvertretende Anlagenchefin des Marzili.
Sylvie Schönbauer, stellvertretende Anlagechefin des Marzili. - Daniel Zaugg

Saison-Halbzeit im Marzili. Im Interview spricht die stellvertretende Anlagechefin Sylvie Schönbauer über den Umbau, den braunen Rasen, Beleidigungen von Badegästen und sagt, wieso sie dieses Jahr noch nie in der Aare war.

BärnerBär: Sylvie Schönbauer, die Marzili-Saison startete anders als sonst: Wegen des Umbaus war ein Teil der Liegeflächen zunächst noch gesperrt, in den Wasserbecken konnte bis Mitte Juni niemand baden. Wie fällt Ihr Zwischenfazit bei Saison-Halbzeit aus?

Sylvie Schönbauer: Wir sind insgesamt zufrieden. Ab 23. Mai wurde zunächst der Bueber-Teil geöffnet, was zahlreiche Gäste freute, da im Winterhalbjahr die gesamte Aare fürs Baden gesperrt war.

BärnerBär: Negative Feedbacks erhielten sie keine?

Schönbauer: Kaum. Die Situation wurde von der Stadt Bern und vom Sportamt von Anfang an klar kommuniziert.

Saison-Halbzeit im Marzili.
Saison-Halbzeit im Marzili. - Daniel Zaugg

BärnerBär: Haben Sie Umsatzeinbussen hinnehmen müssen, etwa im Bereich der Gastronomie?

Schönbauer: Das können wir so nicht beziffern, da der Pächter selbst abrechnet. Die Aaretemperatur stieg Ende Mai rasch an, dadurch gingen viele Menschen halt einfach in den Fluss statt in die Pools.

BärnerBär: Wie gefällt Ihnen die erste Etappe der Umgestaltung persönlich?

Schönbauer: Sehr gut, obschon ich es in diesem Sommer noch nie geschafft habe, selbst in der Aare zu baden.

BärnerBär: Tatsächlich?

Schönbauer: Nein, es ist fast ein wenig tragisch (lacht). Ich muss aber zugeben, dass ich nicht gerne in der Aare bin, wenn sich so viele Menschen dort tummeln.

Ich mag es aber wirklich allen gönnen: Eine so lange Strecke in einem Fluss schwimmen zu können und das bei dieser Wasserqualität, ist eine absolute Seltenheit.

BärnerBär: Sie springen also auch in der Freizeit nie in die Aare?

Schönbauer: Meistens habe ich nach der Arbeit genug vom Tumult und bade deswegen eher an Orten, wo es ein wenig ruhiger ist.

BärnerBär: Privat sieht man Sie nie im Marzili?

Schönbauer: Kaum. Ich arbeite seit 2008 hier – wenn Stammgäste mir von ihren Sorgen erzählen, höre ich ihnen selbstverständlich gerne zu, kann jedoch nicht abschalten.

Die jüngeren Mitarbeitenden wiederum halten sich gerne hier auf und springen vor Schichtbeginn oder nach der Schicht oft in die Aare.

BärnerBär: Ist der Hitzesommer 2026 für Sie eine Belastung?

Schönbauer: Ich bin logischerweise häufig draussen und es kann schon mal hektisch werden. Zum Glück bin ich hitzeresistent. Wichtig ist, genug zu trinken und zu essen.

BärnerBär: Die Hitze setzt auch dem Rasen im Marzili zu, ein gewichtiger Teil der Flächen ist bräunlich-gelb gefärbt. Ist er noch zu retten?

Schönbauer: Am Ende muss Stadtgrün Bern entscheiden, was damit passiert. Die Bäume werden schon länger von der Gärtnerei gewässert, unterdessen werden zudem auch Rasensprenger eingesetzt. Jeden Zentimeter abzudecken, ist bei diesem grossen Areal leider schwierig bis unmöglich.

Gehst du gerne ins Marzili?

BärnerBär: Klimaforschende sagen, Hitze mache aggressiv. Merken Sie etwas davon?

Schönbauer: Einige haben möglicherweise weniger Nerven. Da müssen wir als Personal ruhig bleiben.

Stress kann es aber bei schlechtem Wetter ebenfalls geben. Manche kommen bereits mit schlechter Laune ins Bad.

BärnerBär: Woran entzünden sich die meisten Konflikte?

Schönbauer: (überlegt) Da gibt es wohl nicht diese eine Situation. Seitwärts vom Beckenrand reinzuspringen, obwohl das verboten ist, ist Anfang Sommer Standard.

Wir sagen es den Betreffenden dann einfach immer und immer wieder – ab Mitte Saison funktioniert es dann fast meist recht gut.

Marzili
Das Marzili gehört in der Schweiz wohl zu jenen Badis mit der prominentesten Aussicht. (Archivbild) - keystone

BärnerBär: In der Aare sind nicht nur viele Schwimmerinnen und Schwimmer, sondern auch Boote unterwegs. Ihre Kollegen müssen diese immer mal wieder zurechtweisen, wenn sie sich beispielsweise zu nahe auf den Bueber-Kanal bewegen. Halten sich die meisten an die Regeln?

Schönbauer: Leider hat jener Teil der Böötler, die davon zu wenig Ahnung haben, in den vergangenen Jahren zugenommen. Sie meinen, Böötlen sei ein Kinderspiel und merken erst auf der Aare, dass dem nicht so ist. Und ja, es kommt manchmal tatsächlich zu Situationen, in denen man angepöbelt wird.

BärnerBär: Das passiert?

Schönbauer: Ja.

BärnerBär: Können Sie das genauer ausführen?

Schönbauer: Diverse Schimpfereien, die Ausdrücke selbst möchte ich hier nicht wiedergeben.

BärnerBär: Apropos Ärger: War der Polizei-Einsatz im Paradiesli bei Ihnen ein Thema?

Schönbauer: Zum Vorfall selbst kann ich nichts sagen, da ich nicht auf der Anlage war. Auf der Website des Berner Sportamtes wurden aber die weiterentwickelten Regeln für das Benutzen des Paradiesli kommuniziert.

BärnerBär: Beobachten Sie einen Trend hinsichtlich des Nutzungsverhaltens der Besuchenden?

Schönbauer: Durch Instagram und andere soziale Medien wollen zahlreiche Menschen von ausserhalb in der Aare schwimmen, die sich allerdings zu selten darüber informieren, wie gefährlich ein Fluss sein kann, weil er von aussen so gemütlich aussieht.

BärnerBär: Das Marzili war schon immer ein beliebtes Ziel für Touristen. Dieses Jahr fallen die ausländischen Sprachen hingegen besonders auf.

Schönbauer: Ja, insbesondere Französisch ist oft zu hören. Während der Corona-Pandemie wurde das Marzili in der Romandie offenbar intensiv beworben. Videos, die im Internet viral gehen, heizen die Nachfrage zusätzlich an.

PERSÖNLICH

Sylvie Schönbauer ist 50 Jahre alt und arbeitet seit 2008 im Marzili. 2019 wurde sie stellvertretende Anlagechefin des Marzili. Im Winter ist sie als Eismeisterin im Weyermannshaus tätig. Ihren persönlichen Lieblingsbadeplatz möchte sie nicht verraten, er befindet sich aber «irgendwo an der Emme».

BärnerBär: Wenn an einem heissen Sonntag Tausende Menschen ins Marzili kommen, bedeutet das für Sie und sämtliche Mitarbeitenden auch mehr Aufwand?

Schönbauer: An den Becken sind wir immer genau gleich viel Personal – es gilt bei uns immer 100 Prozent Wasseraufsicht –, bei schönem und schlechtem Wetter, der Schwumm in der Aare wiederum erfolgt auf Eigenverantwortung, ohne Badeaufsicht.

Wir konzentrieren uns daher auf die Bassins – ereignet sich in der Aare ein Notfall, unterstützen wir bei der Ereignisbewältigung. Passiert ein Zwischenfall ausserhalb unseres Perimeters, kriegen wir davon meist gar nichts mit. Oder wenn, dann erst später.

BärnerBär: Was unterschätzen die Leute am meisten am Job einer Bademeisterin?

Schönbauer: Sie begreifen vielleicht manchmal zu wenig, welch riesige Sicherheitsverantwortung wir für unsere Gäste haben – vor allem bei der Wasseraufsicht. Ein bisschen Sonne geniessen und dabei das Bundeshaus betrachten?

Dieses Bild ist falsch. Priorität eins ist die Überwachung der Becken. Wir kontrollieren aber auch die Wasserqualität mehrmals am Tag, überwachen das gesamte Aufbereitungssystem und erledigen etliche Reparaturarbeiten.

Wetter
Das Marzili-Bad ist ein sehr beliebter Treffpunkt in Bern. (Archivbild) - keystone

BärnerBär: Sie arbeiten zu hundert Prozent als stellvertretende Anlagechefin im Marzili. Was tun Sie im Winter?

Schönbauer: Ich bin Eismeisterin im Weyermannshaus – auch noch die nächste Saison, bevor der grosse Umbau im Frühling 2027 startet.

BärnerBär: Nun steht die zweite Sommerhälfte an – was wünschen Sie sich?

Schönbauer: Möglichst wenig Ärger. Und endlich auch mal etwas Regen.

Für uns, damit wir unerledigte Reparaturarbeiten erledigen können, wenn weniger Besucher im Bad sind. Vor allem aber für den Rasen.

Weiterlesen

Eine Transfrau betrat das Paradiesli, ein Frauen-Bereich im Berner Marzilibad, und wurde von der Polizei abgeführt.
1'054 Interaktionen
Transfrau abgeführt
bernmobil
5 Interaktionen
Rätsel
FDP-Stadträtin Chantal Perriard Marzili
1'054 Interaktionen
Marzili-Streit

Mehr aus Stadt Bern

Die geöffnete Schiebetür wurde für den Hund zum unerwarteten Hindernis.
Liebe Mobiliar...
aare
Bern
Neuer Hauptaktionär
sp
«Beschämend»

Mehr aus BärnerBär

höckerschwan
1 Interaktionen
Schwer krank?
berner flüsterer
77 Interaktionen
Bern
FC Thun
21 Interaktionen
CL-Quali