Der Körper vergisst nicht: Ist es Zeit für den Gesundheitscheck?

Bern,
«Midlife-Crisis? Ach was! Als Mitt-Vierziger geht das Leben richtig los», schreibt Fabian Ruch in seiner Kolumne. Eine Erkenntnis, die gar nicht so einfach ist.

Das Wichtigste in Kürze
- Journalist Fabian Ruch schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Der 48-jährige Berner schreibt über das Leben im Midlife-Crisis-Alter.
- «Das Älterwerden ist auch damit verbunden, dass man für Sünden büsst», schreibt Ruch.
In meiner letzten Kolumne fragte ich, ob man sich auf die Fussball-WM freuen dürfe. Jetzt läuft das Turnier in den USA, in Mexiko und in Kanada – und ganz ehrlich: Ich bin begeistert!
Es gibt viele Gründe, diese WM doof zu finden, das ist mir klar, und es gibt Auswüchse, die fraglos fragwürdig sind.
Man kann sich über Präsidenten aufregen, den ausufernden Kommerz oder über die Trinkpausen in den Halbzeiten, die halt auch einzig dazu dienen, noch mehr Werbung zu verkaufen.

Andererseits eröffnet das den Trainern neue taktische Möglichkeiten, sie können stärker Einfluss nehmen.
Und sowieso: Der Fussball schreibt oft die schönsten Geschichten. Diese Leidenschaft, Begeisterung und Lust in vielen Ländern für die Fussball-WM ist sensationell und ansteckend.
Das ist ohnehin eine Lehre, die man im Leben erfahren darf, wenn man älter wird: Vieles ist eine Frage der Haltung. Ich habe bereits darüber geschrieben, dass in der Schweiz leider viele Menschen dazu tendieren, «Jammeris» zu sein. Immer das Haar in der Suppe suchen, sofort nörgeln, immer mehr wollen.
Party und Ausgang – die Erholung dauert viel länger
Wenn man älter wird, weitet sich im besten Fall der Blick aufs grosse Ganze. Und man wird gleichzeitig von der Vergangenheit eingeholt.
Die Knie und Hüfte machen vielleicht nicht mehr so mit, dass man noch Fussball spielen kann. Noch ist es bei mir nicht so weit, aber wie ich schon geschrieben habe, rückt das Ende näher.
Wobei, eben, Haltung: Es wäre nicht das Ende, sondern vielleicht der Anfang von etwas Neuem. Es gibt andere Sportarten, und wenn man sich fithält – im Gym, beim Schwimmen, Joggen, Radfahren oder was auch immer – wird man auf jeden Fall mit einem besseren gesundheitlichen Zustand belohnt.
Warum ich das schreibe? Weil die so bezeichnete «Midlife-Crisis» alle Menschen erfasst. Einige früher, andere später.
Aber es kommt der Moment, in dem man sich grundsätzliche Fragen stellt. Interessant finde ich, dass man Jahrzehnte zuweilen ziemlich sorglos mit seiner Gesundheit umgeht, weil man ja jung, stark, dynamisch, unzerstörbar ist.
Mit weit über 40 Jahren beispielsweise ist die Erholungszeit nach einer langen Nacht, in Kombination vielleicht mit zwei, drei, vier Drinks, deutlich länger als mit 20 (da hat man ja gleich den nächsten epischen Ausgang angehängt, easy!).

Der Flecken oberhalb der Nase
Es gilt also, eine möglichst ideale Balance zu finden. Ich scheitere regelmässig dabei.
Diese Fussball-WM ist ein gutes Beispiel, weil man halt weniger schläft und weniger erholt ist, wenn man stundenlang vor dem TV sitzt – und dabei vielleicht zu viele Chips nascht und auch mal ein Bierchen trinkt.
Das alles hat Auswirkungen auf die Gesundheit. Nicht unmittelbar. Aber irgendwann. Der Körper vergisst nicht.
Ich habe das erfahren, als ich letztes Jahr wegen eines Fleckens oberhalb der Nase zum Hautarzt überwiesen wurde. Ehrlich gesagt bin ich einer dieser Männer, die sehr selten zum Arzt gehen, und glücklicherweise war ich bisher auch selten krank oder verletzt.
Das weiss ich zu schätzen, weil ich leider gerade im Umfeld einige Beispiele habe, was für ein fieses Arschloch der Krebs ist und wie schnell es gehen kann. Und man wird von einem Tag auf den anderen mit Problemen und Sorgen konfrontiert, an die man am Abend vorher nicht einmal im Ansatz gedacht hatte.
«Sonst endet das unschön!»
Auf jeden Fall operierte der Dermatologe den kleinen Flecken oberhalb der Nase raus – und gab mir ein paar wertvolle Tipps auf den Weg.
Ich war in meinem Leben viel draussen an der Sonne, weil ich Fussball, Tennis, Golf spiele, weil ich es liebe, in die Badi zu gehen, weil ich auch monatelang in Ländern unterwegs war, in denen die Sonne sehr stark brennt (etwa in Australien).
Der Dermatologe sagte: «Die Haut vergisst nie, nie, nie!» Und er meinte: «Sie müssen sich besser schützen!!» Weil: «Sonst endet das unschön!»
Menschen sind fehlbare Wesen
Ich rasiere mir die verbleibenden Haare auf dem Kopf schon lange weg, es sieht frischer aus, finde ich. Doch wenn man eine Glatze hat, müsste man konsequenterweise an der Sonne immer einen Hut tragen.
Und die Augen sollen ohnehin konsequent mit einer Sonnenbrille geschützt werden. Habe ich mit 25 oder 35 (oder auch 45) Jahren immer daran gedacht? Natürlich nicht.
Jetzt, mit bald 50, werde ich damit konfrontiert. Hoffentlich ist es nicht zu spät.
Menschen sind fehlbar. Und die wichtigste Einsicht, die ich in den letzten Jahren im «Midlife-Modus» inmitten des Alltagswahnsinns aus Hamsterrad, Kindern, Beruf, Sport, Hobbys, Social Media, Smartphone-Abhängigkeit erlangte, lautet: Man kann niemals alles perfekt machen – weniger ist mehr.
Selbstverständlich versage auch ich ständig. Aber es ist immerhin ein wichtiger Schritt, das zu realisieren.
Männer, so heisst es, gehen generell nicht gerne zum Arzt. Ich weiss Bescheid. Jetzt habe ich mich von einem befreundeten Kardiologen dazu überreden lassen, endlich einmal einen Körpercheck zu machen.

Titelzigarette zum Abschied?
Eigentlich sollte man das mit spätestens 40 Jahren mal durchführen lassen. Und schliesslich rauche ich. Ich bin gespannt, wie so eine Untersuchung abläuft – und was die Ergebnisse sein werden.
Ehrlich gesagt wäre ich nicht enttäuscht, wenn der Kardiologe mir nach dem Check sagt, ich solle mit den Zigaretten aufhören. Wobei er mir erklärte, dass er mir das schon vorher sagen könne.
Zum Autor
Fabian Ruch (48) ist selbständig im Bereich Kommunikation, er arbeitet unter anderem als Journalist, hat das Frauen-Sportmagazin «Sportlerin» gegründet und einen Fussball-Podcast (Anderi Liga 2.0). Er schreibt auf Nau.ch über Tücken, Herausforderungen und Chancen im Midlife-Leben. Und darüber, wie man die Balance zwischen Arbeit und Alltag, Familie und Freizeit behält und auch mal verliert – als Sportjunkie und Selbständiger, Spielernatur und Suchtreisender.
Das letzte Mal, als ich wieder mit Rauchen anfing, war ich gerade in meiner Lieblingsstadt Rio de Janeiro. Wenn Brasilien im Juli endlich wieder Fussball-Weltmeister wird, wäre das ein guter Grund, die Kippen wegzuschmeissen – mit einer Titelzigarette zum Abschied.





