Stadt Bern

Trans-Frau im Berner Marzilibad: Wir führen die falsche Debatte!

Chris Oeuvray
Chris Oeuvray

Bern,

«Eine reife Gesellschaft erkennt an, dass unterschiedliche Bedürfnisse nebeneinander existieren können», schreibt Kolumnistin Chris Oeuvray.

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Der Bereich nur für Frauen im Berner Marzilibad. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus und toxische Dynamiken.
  • Auf Nau.ch schreibt Oeuvray regelmässig Kolumnen.
  • Heute schreibt sie über eine Transfrau, die im Berner Marzilibad abgeführt wurde.

Der Streit um den Frauen-FKK-Bereich im Berner Marzilibad dominiert seit Tagen die Schlagzeilen. Diskutiert wird darüber, ob eine trans Frau Zugang haben soll oder nicht. Für mich zeigt dieser Fall vor allem eines: Wir führen die falsche Debatte!

Als Expertin für Narzissmus und toxische Dynamiken beschäftige ich mich seit über zwanzig Jahren mit Menschen, deren Grenzen verletzt wurden.

Thema gerät aus dem Blick

Mit Frauen, die Gewalt erlebt haben. Mit Frauen, die sexuell missbraucht wurden. Mit Frauen, die jahrelang in Angst gelebt haben. Ich weiss deshalb, wie unterschiedlich Menschen Sicherheit empfinden. Und ich weiss auch: Ein Schutzraum erfüllt seinen Zweck nur dann, wenn sich die Menschen darin tatsächlich geschützt fühlen.

Genau deshalb irritiert mich die aktuelle Debatte. Es geht plötzlich um Ideologien. Um Identitäten. Um Definitionen. Um politische Lager. Dabei gerät das eigentliche Thema aus dem Blick.

Chris Oeuvray
Nau.ch-Kolumnistin Chris Oeuvray. - zvg

Schutzraum soll Menschen schützen!

Ein Schutzraum ist kein Ort, an dem gesellschaftspolitische Grundsatzfragen gelöst werden sollen. Er ist auch kein Instrument, um einer Gruppe Recht zu geben und einer anderen Unrecht.

Ein Schutzraum hat genau einen Auftrag: Er soll Menschen schützen. Dabei geht es nicht um Männer gegen Frauen.

Es geht auch nicht darum, trans Frauen unter Generalverdacht zu stellen. Das wäre falsch und ungerecht. Es geht um etwas viel Konkreteres.

Hast du Respekt vor Schutzräumen?

Es gibt Frauen, die sich in der Gegenwart eines Penis nicht sicher fühlen. Nicht weil jeder Mensch mit Penis gefährlich wäre. Sondern weil sie aufgrund ihrer Biografie, traumatischer Erfahrungen oder sexueller Gewalt männliche Genitalien mit Angst, Kontrollverlust oder Scham verbinden.

Dieses Schutzbedürfnis ist real. Und es verdient denselben Respekt wie jedes andere Schutzbedürfnis.

Ich beobachte mit Sorge, dass wir heute immer häufiger über Identitäten sprechen und immer seltener über den Zweck eines Schutzraums. Dabei sollte genau dieser Zweck entscheidend sein!

Gefühle der Betroffenen werden relativiert

Wenn ein Bereich geschaffen wird, damit Frauen sich unbekleidet sicher fühlen können, dann muss ehrlich darüber gesprochen werden, welche Voraussetzungen dafür notwendig sind.

Nicht jede Frau braucht einen penisfreien Raum. Aber diejenigen, die ihn brauchen, dürfen mit ihrem Bedürfnis nicht allein gelassen werden.

Der Ruheplatz für Frauen im Berner Marzilibad.
Der Ruheplatz für Frauen im Berner Marzilibad. - Nau.ch

Wer ihnen erklärt, sie müssten ihre Angst überwinden oder ihre Wahrnehmung an eine gesellschaftliche Entwicklung anpassen, macht denselben Fehler, den ich aus toxischen Beziehungen kenne: Die Gefühle der Betroffenen werden relativiert, damit das System funktioniert.

Genau das darf in einem Schutzraum nicht passieren. Ich plädiere deshalb für Klarheit statt Ideologie. Nicht jeder Raum muss für alle gleich sein. Aber jeder Schutzraum muss seinem Zweck gerecht werden.

Eine reife Gesellschaft ist gefragt

Wenn das Ziel eines bestimmten Bereichs darin besteht, Frauen einen Raum zu bieten, in dem sie sich auch aufgrund ihrer persönlichen Geschichte sicher fühlen können, dann muss dieses Sicherheitsbedürfnis ernst genommen werden. Nicht aus Ablehnung gegenüber anderen Menschen, sondern aus Respekt gegenüber denjenigen, für die dieser Schutzraum geschaffen wurde.

Eine reife Gesellschaft erkennt an, dass unterschiedliche Bedürfnisse nebeneinander existieren können. Sie zwingt nicht alle in dieselbe Lösung. Sie schafft unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Schutzbedürfnisse.

Zur Person

Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus, psychologische Beraterin und Autorin («Du genügst», weitere Bücher auf ch-oeuvray.ch/buecher) aus Zug.

Genau das wäre für mich kein Zeichen von Ausgrenzung. Sondern von Respekt.

Chris Oeuvray
Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus und toxische Dynamiken. - zvg

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