Neue Wendung im Marzili-Streit: Stadträtin präsentiert eigene Umfrage

Bern,
Nach dem Marzili-Eklat legt FDP-Stadträtin Chantal Perriard eine eigene Umfrage vor – und fordert nun neue Zutrittsregeln fürs «Paradiesli».

Das Wichtigste in Kürze
- FDP-Stadträtin Chantal Perriard befragte 50 Nutzerinnen des «Paradiesli».
- 82 % sehen sichtbare männliche Geschlechtsmerkmale als Beeinträchtigung der Intimsphäre.
- Perriard fordert eine Überprüfung der Zutrittsregeln.
- Zudem bringt sie Zeitfenster für trans Frauen ins Spiel.
Der Streit um den Frauenbereich «Paradiesli» im Berner Marzili erhält eine politische Fortsetzung.
Ende Juni wurde eine trans Frau trotz gültiger Zutrittsberechtigung aus dem FKK-Frauenbereich weggebracht und später von der Polizei abgeführt. Nun legt FDP-Stadträtin Chantal Perriard eine eigene Umfrage zur Thematik vor.

Die Politikerin befragte am 30. Juni vor Ort 50 Nutzerinnen des «Paradiesli» anonym zu deren Sicherheits- und Schutzempfinden. Die Umfrage sei weder repräsentativ noch offiziell, betont Perriard selbst.

Das Resultat falle dennoch «deutlich» aus: 82 Prozent der befragten Frauen sehen ihre Intimsphäre durch sichtbare männliche Geschlechtsmerkmale beeinträchtigt.
64 Prozent antworteten mit «Ja, stark», weitere 18 Prozent mit «Ja, teilweise». Lediglich 14 Prozent sahen keine Beeinträchtigung.
«Nutzerinnen sollen selbst zu Wort kommen»
Gegenüber Nau.ch sagt Perriard, sie habe bewusst die Frauen im «Paradiesli» selbst befragen wollen.
Sie erklärt: «In der politischen und medialen Debatte wurde viel über sie gesprochen, ihre eigenen Wahrnehmungen und Schutzbedürfnisse waren jedoch kaum bekannt.»

Sie selbst besuche das «Paradiesli» zwar nicht regelmässig. Als Stadträtin sehe sie es aber als ihre Aufgabe, mit den Nutzerinnen vor Ort das Gespräch zu suchen. Und deren Anliegen im Anschluss auf politischer Ebene einzubringen.
Die Umfrage vermittle zwar kein repräsentatives Bild, «aber ein deutliches Stimmungsbild». Für eine grosse Mehrheit stehe «der Schutz ihrer Intimsphäre im Vordergrund».
Perriard schlägt Zeitfenster für trans Frauen vor
Aus den Ergebnissen zieht die FDP-Politikerin konkrete politische Forderungen.
Sie habe bereits ein Postulat eingereicht, das eine Überprüfung der heutigen Zutrittsregelung verlangt.
Als pragmatische Lösung schlägt Perriard ein klar definiertes Zeitfenster vor. Während dieser Zeiten sollen trans Frauen mit amtlichem Geschlechtseintrag «weiblich» und sichtbaren männlichen Geschlechtsmerkmalen ebenfalls Zugang zum «Paradiesli» erhalten.
«Damit würde niemand grundsätzlich ausgeschlossen», sagt Perriard zu Nau.ch. Gleichzeitig könnten sich die übrigen Nutzerinnen darauf einstellen und selbst entscheiden, ob sie den Frauenbereich zu diesem Zeitpunkt besuchen möchten.

Ausserhalb solcher Zeitfenster solle hingegen sichergestellt werden, «dass sich dort keine Personen mit sichtbaren männlichen Geschlechtsmerkmalen aufhalten».
«Es geht nicht um Geringschätzung»
Perriard betont mehrfach, dass trans Frauen mit Respekt behandelt werden müssten.
«Es geht mir nicht darum, trans Frauen aus dem Marzilibad auszuschliessen», sagt sie. Ihnen stünden die allgemein zugänglichen Bereiche des Freibads offen.
Gleichzeitig dürften die Schutzbedürfnisse jener Frauen nicht ausgeblendet werden, die das «Paradiesli» bewusst als geschützten FKK-Bereich nutzten.
Auch persönlich würde sie die Anwesenheit einer Person mit sichtbaren männlichen Geschlechtsmerkmalen in diesem Bereich als Beeinträchtigung ihrer Intimsphäre empfinden.
«Dabei geht es nicht um eine Geringschätzung von trans Frauen. Sondern um die besondere körperliche und intime Situation in einem FKK-Schutzbereich.»
Stadt Bern will Personal besser schulen
Der Vorfall vom 28. Juni hatte schweizweit für Diskussionen gesorgt.
Damals war eine trans Frau nach Beschwerden anderer Badegäste aus dem Frauenbereich verwiesen worden. Weil sie auf ihrem Bleiberecht beharrte, rückten Schlichtungspersonen und schliesslich die Polizei aus. Die trans Frau wurde in Handschellen abgeführt.
Später räumte die Stadt Bern Fehler ein. Gemäss den geltenden Regeln dürfen trans Frauen das «Paradiesli» grundsätzlich nutzen, wobei im Zweifelsfall der amtliche Geschlechtseintrag massgebend ist.
Die Stadt kündigte an, das Personal künftig besser zu schulen und die Zutrittsregeln klarer zu kommunizieren. Perriard verlangt nun darüber hinaus auch eine politische Überprüfung der bestehenden Regelung.










