«Termin-Dribbling wegen Fussball-WM»

Bern,
Seit Beginn der WM richten sich viele Alltagspläne plötzlich nach den Anspielzeiten.

Bis vor drei Wochen, konkret bis am 10. Juni dieses Jahres, war Planen relativ einfach. Also verhältnismässig einfach. Man musste den eigenen Kalender kennen, den Kalender des Partners, vielleicht noch jenen der Kinder, und schon liess sich ein Theaterabend, ein Essen mit Freunden oder sogar ein verlängertes Wochenende organisieren.
Zurzeit aber hat sich die Sache verkompliziert. Es gibt eine neue Macht im Haus. Sie steht nicht im Kalender, sie verschickt keine Einladung und sie fragt auch nicht höflich, ob der Termin passt. Sie heisst: WM.

Für Fussballkenner stellt sie natürlich kein Problem dar. Diese wissen schon beim Frühstück, welcher Match am Abend «entscheidend» ist, welche Gruppe «offen» bleibt und warum ein Spiel zwischen zwei Ländern, deren Namen ich kaum unfallfrei aussprechen kann, keinesfalls verpasst werden darf. Für ein Fussball Greenhorn wie mich hingegen, ist Planung zurzeit ziemlich schwierig, um nicht zu sagen: unmöglich.
Ich schaue auf den Spielplan und sehe vor allem sehr viele Flaggen, sehr viele Anspielzeiten und dennoch kaum Gründe, warum ein harmloser Mittwochabend plötzlich nicht mehr verfügbar sein soll. Natürlich habe ich im Vorfeld gelernt: Wenn die Schweiz spielt, hat ein Theaterabend schlechte Karten. Wenn Spanien auf dem Platz steht, sowieso.
Und wenn die «Three Lions» auflaufen, muss ich gar nicht erst fragen. Aber sonst? Ist ein Sechzehntelfinal zwischen zwei Ländern, die ich kaum eografisch zuordnen kann, wichtiger als ein Nachtessen mit Freunden? Darf man während eines Achtelfinals einen Kinobesuch planen? Und ab wann gilt ein Match als so bedeutsam, dass man ihn nicht nur schaut, sondern bereits zwei Stunden vorher darüber reden muss?
Dazu kommt: Selbst wenn ein Spiel theoretisch uninteressant klingt, kann es plötzlich «historisch» und zum «Match des Turniers» werden. Mit anderen Worten: ich übe mich somit in einer für mich eher ungewohnten Disziplin: Spontaneität.
Bis zum 19. Juli gilt bei uns: Der Mensch denkt, der Spielplan lenkt. Oder: Anpfiff schlägt Apéro. Es sei denn, dieser geschieht parallel und findet vor einem grossen Bildschirm statt!





